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Zur Geschichte der deutschen Nationalhymnen
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Zur Geschichte der deutschen Nationalhymnen

^MZ

von Aarl Bdhrig

enn wir zu Königsgeburtstag oder an einem andern patriotischen Festtage in gehobner Stimmung die NationalhymneHeil dir im Siegerkranz" anstimmen, dann sind wir wohl alle von der Empfindung durchdrungen, daß die Nationalhymne der freie, un­verfälschte Ausdruck unsrer gemeinsamen Gefühle für König nud Vaterland ist. Die Nationalhymne gilt uns als das poetische Bekenntnis unsers Patriotismus, als die Losung, die unsre nationalen Empfindungen zu­sammenfaßt und zum feierlichen Ausdruck bringt. Man sollte deshalb glauben, daß die Nationalhymne denselben echt volkstümlichen Ursprung habe, der ihrer volkstümlichen Bedeutung entspricht. Das ist aber keineswegs der Fall, wie die kritische Forschung erwiesen hat. Denn wenn wir die Entstehung der deutschen Nationalhymnen verfolgen, erkennen wir beschämt und enttäuscht, daß das, was unser Eigenstes sein sollte, nach Text und Melodie fremdes Lehn­gut ist.

Deunoch ist die Geschichte der Entstehung und der Verbreitung der deutschen Nationalhymnen ein lehrreiches Kapitel aus der allgemeinen deutschen Literaturgeschichte, weil sich hier sehr deutlich die Grenze zwischen echter National­begeisterung und patriotischer Feststimmung, zwischen dem freien Zuge wahrer Volksdichtung und dem Zwange offizieller Festpoesie zeigt.

Die Nationalhymne ist ein poetisches Gewächs, das erst seit einem oder anderthalb Jahrhundert entstanden und gediehen ist. Weder das Altertum, noch das Mittelalter, noch die Neuzeit bis ins achtzehnte Jahrhundert hinein hat Nationalhymnen gekannt. Soll man annehmen, daß in jenen Zeiten das Nationalbewußtsein und Nationalgefühl noch nicht den nötigen Aufschwung und die rechte Stärke erlangt habe, eine Nationalhymne hervorzubringen? Einige Kritiker haben diese gewagte Behauptung ausgesprochen. Aber der wahre Patriotismus war in Sparta, in Athen und in Rom ebenso kräftig und lebendig entwickelt wie in unsrer Zeit. In den Stadtrepubliken des Altertums schlug die Vaterlandsliebe um so stärker und tiefer Wurzel, als sie mit der Liebe zur engern Heimat eng verwachsen war. Und wenn auch bei den Partikularistischen Hellenen das Bewußtsein nationaler Zusammengehörigkeit und Volksgemeinschaft nur schwach und selten zur Geltung gelangt ist, so waren die alten Römer doch von diesem Bewußtsein ganz durchdrungen. Sowohl in der griechischen wie in der römischen Dichtkunst ist die Vaterlandsliebe in der edelsten Poesie zum Ausdruck gekommen, wenn dieser Ausdruck auch gerade nicht die Form einer Nationalhymne angenommen hat. Es ist eigentlich müßig, sich den Kopf darüber