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Gräfin Susanna
Ursprünglich bestimmt, den Tromderosieg des Herzogs von Nngouleme zn verherrlichen, wurde er nach dem Ende der bourbonischen Herrlichkeit im wesentlichen den Siegen Napoleons des Ersten geweiht. Während des zweiten Kaiserreichs trng er eine Widmung an den dritten Napoleon und heute wieder die Inschrift:
Der Republik das dankbare Marseille.
Treue Pflege der Reliquien einer vergangnen Zeit darf man also bei diesen Menschen nicht voraussetzen: mit dem Christentum haben sie die Erinnerung an das Heidentum, die an das Kaisertum mit der Republik getilgt.
Aber es ist ihnen nur äußerlich gelungen; die griechische Vergangenheit ist zu stark, als daß sie nicht immer wieder ans dem Dunkel emporstiege. So ist das größte Werk, das im vorigen Jahrhundert von der Stadt Marseille geschaffen worden ist, ein wenn auch unbeabsichtigtes, so doch unbestreitbares Denkmal der ersten griechischen Ansiedler aus Photaa. Inmitten der beiden großen Palastmuseen von Longchamps, auf derselben Höhe, zu der die wasserholenden Frauen auf Puvis de Chavcmnes Bild emporwandeln, erhebt sich, durch stolze Säulenhallen mit ihnen verbunden, ein hochragendes Ehrentor. Es ist der Eintrittsbau der gewaltigen Wasserleitung, die auf fast hundert Kilometer Entfernung das Alpenwasser der Duranee nach Marseille holt. Durch den Bogen zieht zwischen zwei Frauengestalten, die durch ihre Attribute als Wein und Weizen kenntlich sind, die Göttin ein, auf einem von vier Stieren gezognen Triumphwagen. Diese Stiere erinnern den Kundigen sogleich an einen Stier auf der Kehrseite alter Mcissalischer Münzen. Noch redet die Bewegung von dem angebornen Ungestüm des Tieres; aber seine Stärke ist gebändigt, besiegt fällt es ins Vorderknie: ein Symbol der Wasserkraft, über die der Mensch Herr geworden ist. Lebhafter aber noch denken wir beim Anblick des andern Denkmals daran, daß die Phoküer als wertvollstes Geschenk zwei Kulturgewächse in die neue Heimat mitbrachten, zwei Gaben, die noch heute Frankreichs Reichtum uud zum wesentlichen Teile auch Marseilles Handel ausmachen: den Wein und den Weizen.
Gräfin Husanna
von Henry Harland (Fortsetzung)
usanna, die gegen den rauhen Stamm ihrer Ulme gelehnt saß, sah die lange schattige Allee hinunter und schien nachzudenken. Hier und da warf die Sonne, wo sie in einem deutlich durch die Dämmerung gleitenden Lichtstrahl einen Weg durch das Blättergewirr fand, gvldige Flecken auf den braunen Boden. In ihrem weißen Kleid, mit dem ihre Stirn lose umgebenden Lockengewirr, einer leichten Röte auf ihren Wangen, mit den nachdenklichen Augen — halb nachdenklich und halb lächelnd, >ah sie sehr lieblich, sehr anziehend, sehr warm uud verheißend weiblich, sehr liebens- und begehrenswert aus, und es ist kein Wunder, daß Anthouy, dessen Augen auf chr ruhten und sie verzehrten, eine heftige Bewegung in seinem Herzen empfand.