Die Kamorra Neapels
von Paul Baumgarten
lie Freisprechung des frühern Abgeordneten Commendatvre Raffaelle Palizzolo cins Palermo von der Anklage der Urheberschaft bei dem Morde des Großgrundbesitzers Emmanuele Notarbartolv hat in Palermo, ja fast in ganz Sizilien eine Bewegung gezeitigt, wie ! man sie sich abstoßender nicht denken kann. Wenn Palizzolo nicht in einer Umgebung gelebt hätte, die ihn, man mochte fast sagen, notwendigerweise in den Verdacht der Urheberschaft hat bringen müssen, wenn dieser Mann nicht allgemein als Haupt und Beschützer aller schlechten Subjekte Palermos und der Umgegend bekannt gewesen, wenn er nicht von eben diesen Lcuteu offen als Führer anerkannt worden wäre, so hätte er nicht in diesen Verdacht kommen können. Wie verwickelt die Sachlage war, ersieht man daraus, daß der Spruch der Geschwornen in Bologna auf Schuldig lautete, während bei der zweiten Verhandlung in Florenz die Geschwornen nicht die volle Überzeugung seiner Schuld haben gewinnen können, und sie ihu deswegen mitsamt seinen Genossen — einem Feldhüter und einem Bahnbeamten — freigesprochen haben.
Für jeden Unbefangnen ergibt sich aus der einfachen Prüfung der Tatsachen, daß wir es hier mit einem Manne von höchst zweifelhafter sittlicher Führung zu tun haben, den weite Kreise für vollauf fähig hielten und heute noch halten, der Urheber des Mordes am Commendatore Notarbartolv zu sein. Weil die Beweiskette seiuer Schuld in Florenz nicht eng genng geschlossen werdeu kaun, wird Palizzolo freigesprochen. Auf die Nachricht hiervon gerät ganz Palermo in eine wahre Naserei von Jubel und Frende, und man feiert Palizzolo als einen Helden, einen Märtyrer, ein unerreichtes Beispiel von Menschengröße, als den vornehmsten und hervorragendsten aller Sizilianer. Ein Dampfer wurde gemietet, der den großen Mann in Neapel abholen mußte, das Fest der Madonna del Carmine sollte verlegt werden, damit er daran teilnehmen könnte, Sammlungen wurden für ihn veranstaltet, in allen vier Wahlkreisen Palermos will man ihn demnächst zum Abgeordneten wählen, um zu protestieren!
An diesen Tatsachen kann man die Macht der geheimen Verbrechergesellschaft, Maffia genannt, ablesen, die in Sizilien fast unumschränkt herrscht. Palizzolo war das anerkannte Haupt der Massivst des ganzen Bezirks von Palermo, und deshalb wurden die unerhörtesten Anstrengungen gemacht, damit Raffaelle Palizzolo freigesprochen würde. Diese Vemühnngen sind von Erfolg gekrönt gewesen, es wird jedoch wohl für immer verborgen bleiben, welche Mittel angewandt worden sind, dieses Ergebnis zn zeitigen.
Weil die Maffia Siziliens jüngern Ursprungs zu sein scheint als die Ka- morra im Neapolitanischen, weil sie mit schärfer ausgebildeten Abschreckungs-