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Standesherren und Volkschulnovelle in Württemberg
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Reichsverdrossenheit und Bismarcklegende

geprägt feudal-klerikale Charakter der ersten Kammer durch Einfügung bürger­licher Elemente beseitigt werden, wobei man vornehmlich an Vertreter der Hochschulen, der größern Städte, eventuell an Herübernahme der Ritter und der Prälaten aus der zweiten Kammer denkt. Die Negierung, die am 8. Juni unerhört herausgefordert worden ist, wird nicht umhin können, in dieser Richtung bald eine Vorlage einzubringen. Zentrum und katholische Staudesherren werden sich ihr nach Kräften entgegenstemmen; wenn sie den Bogen aber wieder so straff spannen wie am 8. Jnni, so mag es wohl geschehn, daß er bricht.

Reichsverdrossenheit und Bismarcklegende

(Schluß)

eitdem alle in Betracht kommenden Nachbarstaaten die allgemeine Wehrpflicht durchgeführt haben, ist für Deutschland die Möglichkeit geschwunden, eine Machtentwicklung zu entfalten, wie dies in den Jahren 1866 und 1870/71 der Fall war. Ziehn wir als Beispiel Frankreich heran, das doch in seiner Bevölkerungszahl auffällig zurückbleibt. Es würde wohl wieder geschlagen, aber niemals wieder so weit niedergerungen werden, daß es bezahlen müßte, was Deutschland ver­langt. Ganz abgesehen davon, wie sich die andern Mächte dabei verhalten würden, liegt klar zutage, daß alles das, was seinerzeit als Gambettasche Neuformationen anftrat, und von denen allerdings ein Bataillon eine preußische Landwehrkvmpagnie nicht zu erschüttern vermochte, in einen: nächsten Kriege aus geübten Soldaten bestehn würde, die gänzlich niederzuwerfen auch der deutschen Übermacht nicht so leicht werden dürfte. Im günstigsten Falle würde Deutschland immer noch einen Teil seiner Kriegskosten selbst tragen müssen, und was das bedeuten will, wenn Millionen in Marsch gesetzt werden, braucht gar nicht weiter ausgeführt zu werden. Die Armeen der allgemeinen Wehr­pflicht tragen durchaus einen defensiven Charakter, was nicht ausschließt, daß sie bei Gelegenheit zu dem Zweck der Verteidigung recht scharf angriffs­weise vorgehn; sie sichern das eigne Land, auch den etwas schwächern Staat vor der Vernichtung, aber zu Eroberungszwccken reichen sie auch für den mächtigsten nicht aus. In dieser Lage sind die Staaten des europäischen Fest­landes seit ungefähr zwei Jahrzehnten, und sie ist für ihre Politik bestimmend. Es ist dadurch eine gewisfe Gleichgewichtslage entstanden, die noch verstärkt worden ist durch die beideu großen Bündnisse, den Dreibund und den Zwei­bund, die beide zu dem Zwecke gegründet worden sind, die Unterdrückung und die Vernichtung eines ihrer Glieder durch ein Bündnis mehrerer Staaten zu verhüten. Daß auch dieser Zustand dein weiten Blick des Altreichskanzlers, der ja auch vorher jeden Keim einer Koalition gegen Deutschland zu ersticken ver­standen hatte, seinen Ursprung verdankt, ist richtig, aber auf dieser Grundlage haben seine Nachfolger weiter zu banen, und sie tun das auch, wie dies jeder