Beitrag 
Der deutsche Staat am Ende des neunzehnten Jahrhunderts
Seite
68
Einzelbild herunterladen
 

68

Der deutsche Student am Ende des neunzehnten Jahrhunderts

junge Herr, der sich wie ein siegesgewisser Kommis oder ein angehender Diplomat benimmt und den Verdacht nahe legt, daß er ein Hohlkopf oder ein Streber sei und sich beugen werde, wo immerdie Gewalt sich regt."

Am Schluß der Auseinandersetzung über die akademische Freiheit kommt Ziegler auf die studentische Kleidung, die Farben und den Frack zu sprechen, Dinge, denen er mit gemischten Empfindungen gegenübersteht. Während er gegen die bunten Mützen und Bänder, einen Rest der alten Neigung, sich durch irgend etwas Auffallendes oder Flottes von andern jungen Leuten zu unterscheiden, nichts einwenden will, wünscht er den Frack, als das traurige Wahrzeichen männlichen Ungeschmacks, von der Universität, ja selbst aus dem Examen Verbanut; noch mehr aber klagt er darüber, daß auch Studenten auf die Gigerltracht hineingefallen sind, jenehäßliche Zuhültertracht, die die phy­sische, intellektuelle und moralische Impotenz so schamlos zur Schau trügt."

Von der vierten bis zur siebenten Vorlesung wird die akademische Ehre und ihr Verhältnis zu einigen sehr heikeln Dingen behandelt. Was ist die Ehre? Auf diese Frage giebt Ziegler eine Antwort, mit der sich Sudermanns Graf Traft einverstanden erklären könnte: sie habe etwas Aristokratisches an sich, etwas von Kaftengeift und Standcsvorurteil, und könne mit der Sittlichkeit, die im Gegensatz dazu demokratische Züge habe, schwer zusammenstoßen. Auch Graf Trast giebt als das Wesen der sogenannten Ehre an, daß nur wenige, ein Häuflein Halbgötter, sie haben dürfe, und daß es thatsächlich so viele Sorten vonEhre" gebe wie gesellschaftliche Kreise und Schichten. Man kann über die Art und Weise, wie sich der ehemalige Kürassierleutnant und jetzige Kaffeekönig über den Ehrbegriff seiner frühern Standesgenossen lustig macht, verschiedner Meinung sein, aber wenn er betont, daß man an die Stelle der Ehre die Pflicht setzen solle, so läßt sich dagegen nichts einwenden. Denn es läßt sich nicht leugnen, daß die meisten Ehreneodiees Dinge für erlaubt er­klären oder wenigstens dulden, die der Pflicht schnurstracks zuwiderlaufen. Das gilt auch von dem studentischen Ehrenkodex, der drei sehr häßliche und ver­derbliche Fehler: zu faulenzen, zu trinken und über seine Verhältnisse zu leben, nicht verbietet.

Hinsichtlich der Faulheit ist allerdings zu beachten, daß ein Student, der die Kollegien schwänzt oder seine Bücher vernachlässigt, deshalb noch nicht als faul bezeichnet werden darf, weil er bei aller Gleichgiltigkeit gegenüber seinem Fach doch ein Mensch von Bildungsstreben sein kann. Derreinen Faulheit" begegnet mau nach Zieglers Wahrnehmungen unter der akademischen Jugend verhältnismäßig selten; wo sie auftrete, werde man sie in der Regel als die Nebenerscheinung zweier andern Laster, der Trunksucht und der Ausschweifung, erkennen. Ob diereine Faulheit" wirklich unter der Studentenschaft nicht eine größere Zahl Verehrer hat, als Ziegler anzunehmen scheint, ist eine Frage, die wir nicht so ohne weiteres verneinen möchten; hier sei nur darauf hinge-