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Uch sein. Sie werden Wittwe, und bann — dann — Königin von Frankreich werden. Sie werden schöne Jahre verleben, aber in einem Aufstand umkommen." — Als die Frau diese Worte gesprochen hatte, riß sie sich aus der Gruppe los„ die sie umgab, und entfloh so schnell, als ihre vom Alter geschwächten Beine eS ihr nur gestatteten. —. Iosephine verbot, die angebliche Zauberin wegen ihrer lächerlichen Prophezeiung zu belästigen, und erklärte Alles, was sie gehört hatte, für Albernheiten, um den jungen Negerinnen zu zeigen, wie wenig sie daran glaube, und wenn sie des Vorfalls im Schooß ihrer Familie gedachte, so begnügte sie sich, darüber zu lache«. — In der That war auch wenig Aussicht darüber vorhanden, daß eine solche Umwälzung, wie wir später sahen, statt finden könne, und Fräulein von Taschcr vermahlte sich höchstwahrscheinlich mit einem Kreolen, und brachte ihre Lebenszeit an dem Orte zu, wo sie geboren war. — Sir vergaß auch den ganzen Vorfall, bis zu dem Zeitpunkte, wo sie ihren Gatten, Herrn von Beau- harnais verlor, den sie recht innig liebte. Er gab ihr sehr gegründete Ursache zur Eifersucht, und sie beklagte sich anfänglich mit größter Sanftmuth darüber; als Frau von Beauharnais aber sah, daß sich dadurch in seinem Benehmen Nichts änderte, welches sie auf Rechnung einer unüberwindlichen Leidenschaft schrieb, so legte sie in ihr« Vorwürfe eine Bitterkeit, welche ihren Gatten, statt ihn wieder zu ihr zurückzuführen, nur noch mehr von ihr entfernte. Beide Theile deharrtcn darauf, nicht nachgeben zu wollen, und eine Trennung war unvermeidlich. Da brach die Revolution aus. Herr von Beauharnais ward verhaftet. Als sie ihn im Gefängnisse wußte, vergaß sie alle seine Schwächen, und that alle nur.cr- sinnlichen Schritte, um seine Lage möglichst zu
mildern. Dieses edle Betragen ergriff ihn sehr und er schrieb ihr mehrere Briefe, in denen er ihr seine Kinder empfahl. Lebhaft bedauerte er, die Abwesenheit seines Bruders, welcher der von ihm so tief gekränkten Gattin als Führer hatte dienen können, und endlich war er noch in seinen letzten Augenblicken ausschließlich mit ihr beschäftigt. — Als sie nun ihrerseits auch in's Gefängniß geworfen ward, erfuhr sie den schrecklichen Tod des Herrn von Beauharnais. „Wider meinen Willen" — sagte sie zu uns — „dachte ich unaufhörlich an meine Prophezeiung, und indem ich mich so daran gewöhnte, mich damit zu beschäftigen, dünkte mich Alles, was mir gesagt worden war, minder absurd, und zstlctzt fand ich eS ganz einfach und natürlich. — Eines Morgens trat der Kerkermeister in das Zimmer, worin ich mit der Herzogin von Aiguillon *) und zwei andern Damen schlief; er kam, wie er sagte, um mein Bette zu Nehmen und einem andern Gefangenen zu bringen. — „Wie das?" — fragte die Het, zogin von Aiguillon — „Frau von Beauharnais wird also ein Besseres bekommen?" — „Nein, nein, sie hat keins mehr nöthig?" — erwiederte er mit einem wilden Lachen — „denn man wird sie nach der Cvnciergerie abholen, und von da nach der Guillotine."
— Bei diesen Worten stießen meine Unglücksge- fahrtinnen ein lautes Geschrei aus. Ich suchte sie zu trösten, so gut ich konnte; und als mir endlich ihre Wehklagen lästig wurden, erklärte ich ihnen, daß ihr Schmerz ganz widersinnig sei; ich würde nicht nur nicht hingerichtet werden, sondern sogar Königin von Frankreich. „Warum ernennen Sie da nicht Ihre Hausbeamten?"-
— fragte die Herzogin von Aiguillon zornig. — „Ach! Sie haben Recht; ich dachte nicht daran.
*) Später Gräfin Louis von Girardin.