Angedruckte Briefe von Goethe an Dr. Noehden in London.
Georg Heinrich Noehden, aus dessen Nachlasse uns sein Neffe, Herr Dr. K. H. Volckmar in Aurich, die nachfolgenden Briefe von Goethe zur Veröffentlichung gütig mitgetheilt hat, war im Jahre 1770 in Göttingen geboren. Nachdem er auf der dortigen Universität, wo er bald zu den bevorzugten und vertrauteren Schülern Heynes gehörte, seine Studien vollendet, verlebte er eine lange Reihe glücklicher Jahre im Umgange mit angesehenen und liebenswürdigen englischen Familien, deren Söhnen er erst in Göttingen selbst, dann in London, in Eton und Edinburg bei ihren Studien zur Seite stand, die er später auf ihren Reisen in Frankreich, Holland und nach Deutschland begleitete, und mit denen er zeitlebens in gegenseitiger Zuneigung verbunden blieb.
Schon frühe war Noehden bestrebt, die Kenntniß deutscher Sprache und Literatur in England anzubahnen, und seine Bemühungen waren bald von glücklichem Erfolg begleitet. Seine Uebersetzung des Ficsco, die im Jahre 1796 erschien, erlebte rasch eine zweite Auflage und brachte ihn mit Schiller in Verbindung, dem sie so gelungen erschien, daß er sich erbot, seine Werke künftig ihm vor dem Druck zur Uebersetzung mitzutheilen. Noehdens Mrinan zzi-aminar, die zuerst im Jahr 1800 herauskam, und sein späteres Handwörterbuch der deutschen und englischen Sprache, wozu ihn angesehene londoner Buchhändler aufgefordert hatten, waren in England epochemachende Erscheinungen.
Diesen Mann von vielseitigster Bildung, ausgerüstet mit historischen Kenntnissen aller Art, voll warmer Theilnahme an den schönen Künsten, finden wir gegen Ende des Jahres 1818 am weimarschen Hofe, bereit, infolge einer durch Empfehlung von Eichhorn in Göttingen an ihn ergangenen Aufforderung, die Oberaufsicht über die Erziehung der Prinzessinnen Töchter des Erbgroßherzogs zu übernehmen. Wenn er sich durch seinen vieljährigen Aufenthalt in England in Sprache und Sitten des Landes dermaßen eingelebt hatte, daß man ihn für einen Eingebornen halten durfte, so konnte das in den Kreisen, in die er jetzt eintrat, das Interesse an seiner Persönlichkeit nur erhöhen.
Goethe und die weimarschen Kunstfreunde fanden in ihm einen werthen Mitstrebenden. Die Seltenheiten, die der Großherzog aus seiner Reise im Jahr
Grenzboten I. 1864. 62