352
Wie wichtig für Shakespeare die Kenntniß der gleichzeitige» Dramen ist, hat man seit Tieck vollkommen begriffen, wenn man anch von dem übertriebenen Werth, den Tieck auf diese eigentlich doch sehr schwachen Producte legte, zurückgekommen ist. Es ist daher sehr zu loben, daß durch eine correcte und wohlfeile Ausgabe auch dieser Zweig der Literatur dem deutschen Publicum näher gerückt wird. Die beiden vorliegenden sehr gut gedruckten Hefte kosten zusammen einen Thaler. —
Korrespondenzen.
Aus Koustantinopel, 26. April. Ueber die Zielpunkte des gegenwärtigen Krieges. Was mich seither am meisten in Rücksicht auf den gegenwärtigen Krieg befremdete, das ist das geringe Maß von Begeisterung, welches sich in demselben für die große Sache kundthnt. Und dennoch wurde kaum jemals ein Kampf um größere und umfassendere Interessen, materielle wie geistige, begonnen; keiner war nothwendiger, unerläßlicher; von keinem ander» kann gesagt werden, daß seine Entscheidung welter reichen und für die Gestaltung der europäischen Zukunft, der Zukunft der Welt, bedingender sein werde, wie der Ansgang dieses Streites'. Ich stehe nicht an zu behaupten, daß dem blutigen Ringen wider Napoleon I. kaum eine gleich dringende Nothwendigkeit innewohnte, wie diesem Entgegentreten der europäischen Mächte wider Nnßland ans dessen Marsch nach Konstantinopel. Jener Kampf galt nur der Uebcrmacht eines ManncS, denn in welche Hände auch die französische Kaiserkrone nach seinem Tode gekommen sein möchte, falls er sie bis dahin behauptet hätte, schwerlich würde Frankreich im Staude gewesen sein, die Machtstellung zu wahren, die es durch die Siege des großen gc' sürsteten Feldherrn gewonnen hatte. Dagegen ist bei dem Gegenüber Europas wider Nußland die Wahrscheinlichkeit entstanden, daß die gesürchtetc Macht stetig zunehmen werde. Bei keinem Kriege kommt daher so sehr, wie bei diesem, die nächste Stunde in Betracht, keiner ist so durchaus unaufschiebbar und darum innerlich nothwendig, wie er; für keinen endlich gilt, wie für diesen, das mahnende Wort jetzt oder nie! Worum es sich iu diesem Streite handelte, ist nicht die Obmacht eines Mannes. Der Zar starb und dieser Todessall hat nichts geändert. Kanin kann gesagt werden, daß es ein Volk sei, dem unsre Gegenvorkehrungen gelten; dieselben haben ein größeres nnd umfassenderes Ziel; es ist eine ganze Racc, es jst das von dieser getragene Staats- nnd Wcltprincip, gegen welches wir anzukämpfen haben. Rußland im Streite wider Europa heißt nichts Andres als die Austragung der großen Frage über deu weitern Verlauf der Geschichte unsres Geschlechts. Wir haben uns zu lauge Zeit iu den Gedanken eingewiegt, daß Westeuropa die Eutscheidungsgcwalt über die konnneudeu Geschicke unsres Planeten bewahre nnd haben darüber, mannigfacher Mahnungen ungeachtet, vergessen, wie nach und nach im Schoß des Ostens dieses Wclttheils" ein mächtiges Gegengewicht gegen diese Gewalt entstand. Noch wiegt es der Macht nicht gleich, welche die vier