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Und diese tendenziöse Erfindung soll in Preußens Hauptstadt in monumentaler Ausführung für Jahrhunderte stehen. Sie wird stehen als ein trauriges Denkmal einer kläglichen Verbildung, welche einen der größten Geister Preußens zu carrikiren wagte, dessen Name in einem Bau, der ein Tempel des idealen Lebens sein will, nur mit Ehrfurcht genannt werden sollte.
Korrespondenzen.
Aus Konstantinopel, 26. März. — Ich schrieb Ihnen meinen letzten Brief unter dem Eindruck der Tagesgerüchte. Die Dinge sind nicht ganz so schwarz, wie sie mir damals erschienen; zwar bereitet sich eine Erkaltung zwischen Engländern und Franzosen vor, und Sie werden selbst die Symptome davon nicht unbeachtet gelassen haben; aber die Allianz an sich scheint vorerst dadurch noch nicht gefährdet zu sein. Wie man mir sagt, werden die Franzosen, sofern ihre Verbündeten Anstalten treffen sollten,.sich hier in permanenter Weise festzusetzen, ebenfalls zu solchen schreiten. In dieser Hinsicht ist es wichtig, daß einem Gerücht zufolge ein Coutract zwischen der französischen Negierung und eiuem hiesigen größeren Handclshause inbe- treff der Liesernngen zum Bau einer geräumigen massiven Kaserne abgeschlossen worden ist. Wo dieses Gebäude seinen Platz finden soll, ließen die Gerüchte unbestimmt; man nannte die Höhen von Ejub als den wahrscheinlicheren Pnnkt.
Auf der deu Engländern überlassenen Brandstätte des Galata Serai (der ehemaligen medicinischen Schule) erheben sich nun bereits hoch die neu cvnstrnirten Holzbaracken. Auch die in der Nacht vom 11. zum 12. dieses Monats abgebrannte Kriegsschule (das große französische Hospital) ist man seit acht Tagen beschäftigt wieder einzudecken, und zwar schreitet die Arbeit, uutcr wie es scheint guter Leitung, dort rasch vorwärts, dergestalt, daß man hoffen darf, noch im Laufe des kommenden Monats werde der Schaden soweit wie möglich ersetzt und das ganze Gebäude aufs neue wohnlich sein.
In den Salons ") war noch im Lause der letzten Woche die Reise des Kaisers Hauptgegenstand der Unterhaltung. Man weiß nun bestimmt, daß er nicht kommen wird; ja man geht noch weiter und flüstert einander zu: die Reise sei überhaupt nie ernstlich gemeint gewesen. „Was Ihr auch über die Reise höreu mögt," hatte eine hochstehende Dame aus Paris hierher geschrieben, „glaubt uichts." Indeß will Jbrem Berichterstatter doch nicht einleuchten, daß die ganze Sache in solcher Weise auf einen verspäteten politischen Fastnachtsscherz zurückgeführt werden könne. Ich möchte zunächst wissen, wen anders der große Imperator damit hätte foppen wollen, als die Vertreter seiner eignen Interessen!
Der Tod Mcnschikvffs hat hier eine bedeutende Sensation erregt. Ich erwähnte der darüber umlaufenden Gerüchte absichtlich nicht gegen Sie, weil sie mir unglaubhaft schienen. Seit vorgestern will man nun auch wissen, daß Admiral
*) Man kann nur uncigciitlich hier von Salons reden. Kaum an andern Orten wie in den LegationshotclS wird öffentliches Hans gehalten. >
Grenzbvten. II. -I8öü. 15