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Wilhelm von Kaulbach in Berlin.
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Von seinen früheren Arbeiten erwähne ich als die bekanntesten und origi­nellsten seine Verbrecher aus verlorener Ehre und sein Narrenhaus. Wenn wir mit diesen Werken, namentlich mit dem letzteren, auch durchaus nicht ganz übereinstimmen, so ist doch ihr geistiger Inhalt jedenfalls sehr bedeutend, inso­fern sie von scharfer Beobachtung, tiefem Studium der Charaktere und von großer Energie der Empfindung zeugen.

Hatte Kaulbach durch allerlei andre bedeutendere oder geringere Produktionen gezeigt, daß jene beiden erwähnten Composilioiien nicht seine eigentliche Richtung, sondern nur ein Zweig aus einem starken, üppigen Stamm sind, so ward ihm die schönste Gelegenheit, dies der Welt dar­zuthun, durch die Bestellung der Hunnenschlacht, die seinen Ruf mit Recht (selbst nach dem Geständnis) seiner Gegner) begründete; bei einem großen Reichthum von Figuren herrscht hier der vollste Zusammenhang der Motive, eine organische Entwicklung der Gruppen, ein Zug durch alles, von der Ruhe des Todes bis zur höchsten Leidenschaft des bis zum Wahnsinn erbitterten Kampfes. Was aber ein Ereignis) für die neue Kunst war und blieb, war dies, daß er bei der entschiedensten Jndividualisirung und Durchbildung seiner Ge­stalten in diesem Carton eine Schönheit der Form errang, wie sie in unsrer Kunst­periode noch nicht dagewesen, eine Schönheit, die er seitdem zu immer größerer Freiheit entwickelt hat. Doch davon nachher. Der geistige Inhalt, der uns jetzt beschäftigen soll,er allein hätte genügt, Kaulbach den hohen Ruf zu erwerben, den er von da ab genoß; er stand mit einem Schlage in der ersten Reihe der Künstler.

Der Hunnenschlacht folgte die Zerstörung Jerusalems, die, wenn sie immer ein glänzendes Zeugniß seiner Begabung ist, doch auch entschieden die gefähr­lichen Seiten derselben zeigt und daher der gern gewählte Angriffspunkt für Kaulbachö Gegner geworden ist. Jener Hang, den erfaßten Gegenstand von allen Seiten, in allen seinen Beziehungen, die er mit scharfem Urtheil richtig erkennt, darzustellen, hat ihn hier zu weit geführt. Bei dem Streben, sich jedes Einzelnen zu bemeistern, hat er das Ganze verloren, so daß wir hier Bilder bekommen, die zwar in einem inneren Zusammenhange stehen, die sich aber nicht zu einem Einheitlichen plastisch und lebendig gestalten. Freilich war dieser Gegenstand, der als Knotenpunkt in dem Faden der Geschichte eine Menge von Beziehungen in sich schließt, die sich nicht leicht zu einem Ganzen fügen, grade für Kaulbach besonders schwierig; doch hat er wol außerdem manchen Mißgriff gethan, der gewiß zu vermeiden war, wenn Kaulbach nicht seiner Neigung zum Philosophisch-Allegorischen hier besonders nachgegeben hätte.

Ich will versuchen, dies in manchem Einzelnen nachzuweisen, selbst auf die Gefahr, Bekanntes zu wiederholen.

Wir vergegenwärtigen uns noch einmal das Bild. In der Mitte sehen wir