Beitrag 
Neue Romane.
Seite
407
Einzelbild herunterladen
 

407

Neue Romane.

Der Cardinal von Richelieu. Roman von Aline von Schlichtkrull. 4 Bde. Görlitz, Heyn.

Das Talent, welches die Verfasserin in ihren beiden früheren Romanen: Eine verlorene Seele" undMorton Varney" entwickelt hat, läßt sich auch in dem neuen nicht verkennen; doch möchten wir sie in ihrem eignen Interesse warnen, nicht gar zu schnell zu produciren. Die Gabe der Erfindung ist eine glückliche; aber der Dichter, der ausrichtig gegen die Kunst >st und nicht blos den Wunsch hegt, das Tagesbedürfniß zu befriedigen, muß zugleich eine strenge Kritik gegen sich ausüben, namentlich in unsrer Zeit, wo nicht blos die natürliche Unfertigkeit des Talents und der Bildung einer fortgesetzten Ver­besserung bedarf, sondern wo man zugleich mit dem ganzen Wust der Re­flexionen zu kämpfen hat, die sich aus der frühern Literatur herschreiben, und die das unbefangene Produciren verwirren. Abgesehen von den Einwendungen, die man gegen das Princip und die Haltung des Ganzen machen kann, hätte im einzelnen vieles besser gemacht sein können, wenn die Verfasserin sich einer strengeren Feile bedient hätte.

Die Wahl des Gegenstandes ist keine glückliche; wir möchten überhaupt bezweifeln, ob die historische Novelle eine Gattung ist, auf welcher die Damen Lorbeeren einernten könnten. Eine Dame mag noch soviel Geist haben und noch so ernste Studien machen, sie kann dadurch niemals die unmittelbare Anschauung ersetzen, die der Mann dadurch vom geschichtlichen Leben erhält, daß er sich selbst darin vertieft. Die Feinheiten und die Wärme des innern Seelenlebens wird das Weib, wenn sie gesund organisirt ist, ebenso lebhaft empfinden, als der Mann, vielleicht noch lebhafter, und wenn sie zugleich die Gabe der Darstellung besitzt, so wird sie diese Seite der Wirklichkeit mit glücklichem Erfolg poetisch verarbeiten; was aber Arbeit ist, ernste, nnver- drossene, rücksichtslose, auf einen bestimmten Zweck gerichtete Arbeit, davon kann sich eine Dame nie eine eindringende Vorstellung machen, weil man nur das vollständig begreift, was man selbst durchmachen kann. Es gibt viele einzelne Seiten der Geschichte, die einen vorwiegend romantischen Charakter haben, in denen die individuellen Beziehungen hervortreten, die Beziehungen des innern Lebens: solche Seiten trifft unsre Bemerkung nicht, aber man wird die Darstellung einer solchen Zeit auch kaum einen historischen Roman im eigentlichen Sinn nennen können. Nun wendet sich aber in unsrer vorwiegend reflcctirenden Zeit das Interesse vorzugsweise auf solche Zeiten und Charaktere, welche der entschlossene, unbeugsame Verstand beherrscht. Man bewundert nicht mehr die unbefangenen, gemüthvollen Naturen, die den Verwicklungen der