Briefwechsel Napoleons mit Joseph Bmmparte.
Dieser höchst interessante Briefwechsel, der in der uns vorliegenden deutschen Uebersetzung (von vr. Fink, Stuttgart, Franksche Verlagshandlung) mit dem 33. Mai 1795 .beginnt und vor der Hand mit dem 20. Mai 1808 schließt, obgleich das Original bereits vollständig erschienen ist, muß für einen der wichtigsten Beiträge zur Kenntniß von Napoleons Charakter als Regent und als Mensch gelten. Joseph, nacheinander König von Neapel und Spanien, war der Aelteste der Napoleonischen Familie, hatte aber schon frühzeitig alle Rechte des Seniorütö seinem zweiten Bruder, dem nachherigen Kaiser, dessen überlegener Begabung und kräftigem Charakter er sich bereitwillig unterordnete, abgetreten. Die große Pietät, welche Joseph für seinen Bruder fühlte, und die innige Freundschaft, die beide von Jugend auf aneinander fesselte, erleichterten ersterem den aufopfernden Schritt, der eine Vergeltung in dem Vertrauen fand, mit dem Napoleon seinen älteren Bruder in alle seine Pläne und Bestrebungen einweihte. Ein Zeugniß davon legt dieser Briefwechsel ab, in welchem sich der jugendliche General, der Consul und der gereiste Kaiser ohne die Umhüllung schöner Phrasen dem brüderlichen Auge zeigt. Aus ihm lernen wir den strebsamen. Jüngling kennen, den warmherzigen Versorger seiner Familie, der jedem Glied derselben mit unermüdlichem Eifer eine höhere Lebensstellung zu verschaffen sucht, der seine Schwestern verheirathet, seinen Brüdern und Vettern Stellen verschafft, den zaghaften und argwöhnischen Liebhaber, den Verehrer Nousseauischer Ideen nnd den aufrichtigen Anhänger der jungen Republik, den jungen- General mit vielem Ehrgeiz aber ohne bestimmte Ziele. Aber allmälig entwickeln sich die hochstrebenden und despotischen Elemente seines Charakters zu vollster Blüte, der Sieg über die Sectionen fuhrt ihn zum ersten Mal auf den größeren politischen Schauplatz, und er steigt so rasch, daß er, berauscht vom Glück, alle zärtlicheren Gefühle vergißt, und selbst seine Brüder nur als Stufen benutzt, um zur Weltherrschaft zu gelangen. Die vertraulichen Ergüsse früherer Zeiten werden jetzt durch Macchiavellistische Rathschläge und später durch harte Befehle ersetzt, und wir werden so vollständig in alle Geheimmittel der despotischen und großartig selbstsüchtigen Politik Napoleons eingeweiht, daß
Grenzbvten. I. -iLllll. 6