4«5
Wochenbericht.
Pariser Brief. — Paris ist die Geliebte aller Touristen und darum hören wir nnr selten die Wahrheit darüber. Jeder schmückt es aus mit allen Reizen seiner Phantasie nnd legt in die Schilderungen die Liebe, welche die reizende Fee allen Sterblichen einzuflößen weiß. Paris ist der Spiegel des Faust, in dem der Reisende das Bild seiner Helena erblickt, und weil gewöhnlich vorausgesetzt wird, daß man Paris kennt, lesen wir in den Neisebüchern und Souvenirs de Paris weniger eine Schildcrnng des wirklichen Paris als mehr oder minder künstlerische Bilder und Gcnreskizzen aus dem Leben von Paris, wie es der mit der Eisenbahn Kommende auf Dampfesflügeln durchbrausend zu sehen glaubt. Die Gestaltung dieser Beschreibungen und Schildcrcien richtet sich natürlich nach den beschreibenden Persönlichkeiten selbst und man kann nicht leicht besser Bekanntschaft mit jemand machen, als wenn man ihm ans seinen Spaziergängen durch Paris folgt. Paris lernen wir selten auf diese Weise kennen, den Rcisebeschreiber fast immer uud oft auf eine zu gründliche Weise. Paris hat noch eine andre Eigenthümlichkeit. Es macht auf den Beschauenden einen so lebhasten Eindruck, daß er darüber alles vergißt, was vor ihm geschrieben und oft besser dargestellt worden ist, und sich verpflichtet glaubt, wieder von vorn anzufangen und uns durch eine aller Welt geläufig gewordene Bildergalerie zu führen. Es ist eben wieder wie bei Verliebte». Diese merken nie, wie langweilig oft andern der Enthusiasmus, den sie'für die Geliebte fühlen, werden kann, wenn derselbe nicht in wahrhast künstlerischen Gestaltungen seinen Ausdruck findet. Diese Betrachtungen drängen sich mir immer wieder aus, so oft ich ein nenes Buch über Paris sehe, und bei der Lectüre des Werkes von Emma Niendors bemächtigten sie sich meiner mit so großer Gewalt, daß ich sie fast bei keinem Capitel loswerden konnte. Damit man hierin keinen zu scharfen Tadel sehe, bemerke ich gleich hier, daß das Büchlein lesenswerth ist und für den, der Paris nicht kennt, anch amüsant sein wird. Es ist besser, als viele Schriften, die jährlich über Paris veröffentlicht werden, aber es trägt anch mehr wie andere den Mangel der Flüchtigkeit und Unvollständigkeit an sich.
Man merkt es ferner der Verfasserin zu sehr an, daß sie bei allem, was sie sieht und was sie hört, sich ängstlich fragt, was werde ich darüber in meinem Bnche über Paris sagen und das wirkt sehr unerquicklich. Ost, wenn sie ihr Tvuristen- metier vergißt und natürlich wird, macht Frau Emma Niendors vortreffliche Bemerkungen nud sehr gute Apercus und wir wünschten dem Bnche blos, daß die Verfasserin ihrer Natürlichkeit nicht zu häufig untreu geworden wäre. Bei Gelegenheit ihrer ziemlich lebendig gehaltenen Schilderung der Boulevards sagt sie von, der dcntschen Modesucht: „sie hat immer etwas Barbarisches, einige Familienähnlichkeit mit dem Glasperlenschmucke jener Südsecinsnlancr, mehr als mit der Feinheit der Pariser Eleganz; uud welche Opfer ihr auch bringen möget, es wird nie gelingen, in der letzten, höchstens nur in der vorletzten Fashion sich zu brüsten. Unglückliche Liebe! jagt nicht nach einem dreifachen Phantom, das euch stets wieder unter den deutschen Fingern zerrinnt. Resignirt und penstonirt ench lieber in eine eigenthümliche Schlichtheit hinein, die euch interessanter macht als jene, ich wiederhole es, hoffnungslose Aeffcrei, welche zudem Haus und Geist gefährdet." Man kann das Grenzboten. IV. -I8öi. S9