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Goethes Faust und dessen Aufführung auf dem Theater.
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Goethes Faust und dessen Aufführung auf dem

Theater.

Ueber den Faust ist in Deutschland bereits so viel geschrieben, daß man den Gegenstand allmälig für erschöpft halten könnte; allein wie es bei eif­rigem, ununterbrochen nach einem Punkt Hingerichtetem Studium zu geschehen pflegt: man hat sich allmälig ein Bild von dem Gegenstande gemacht, welches den Gegenstand ganz verdeckt, und es ist daher nicht unzweckmäßig, wie bei einem Palimpsest den Versuch zu machen, durch Wegwischung der Mönchs­schrift zu dem Original durchzudringen. Außerdem tritt der Faust durch die fortdauernde Aufführung auf dem Theater noch in die Reihe der auf den gegen­wärtigen Kunstgeschmack influirenden Werke, und es ist daher nothwendig, auch den Maßstab des Kunstgesetzes an ihn zu legen. Endlich haben wir mehrmals theils in diesen Blättern, theils in derdeutschen Literaturgeschichte des neun­zehnten Jahrhunderts" Ansichten über dies Gedicht ausgesprochen, die von der allgemeinen Meinung ziemlich weit abweichen und zu deren ausführlicher Be­gründung wir uns hier veranlaßt fühlen.

Den ersten Entwurf zum Faust machte Goethe 1771 in der Vollblüte seiner Jugend. Damals gehörte sein Dichten und Trachten noch ganz dem deutschen Leben an. Die holzschnittartigen grotesken Vorstellungen des sech­zehnten Jahrhunderts, das Costüm, die Sagen, die Redeweise und die Em- pfindungsformen desselben erfüllten seine Phantasie. Durch Shakespeares Bei­spiel ermuthigt, die widersprechendsten Stimmungen in dem nämlichen Stücke .geltend zu machen, schien es ihm nicht zu kühn, was sein eignes Herz und das der mitstrebenden Jugend bewegte, in jene alten Sagen einzuführen, in deren Voraussetzung bei allem Widerspruch der Stimmung dennoch etwas Ver­wandtes lag. Denn das Zeitalter der Reformation war, grade wie das der poetischen Wiedergeburt Deutschlands, ein Versuch, sich durch die Unmittelbarkeit des Glaubens und des Gefühls dem Wust der unverarbeiteten Kenntnisse und Traditionen zu entreißen, den eine arbeitsame, aber eigentlich unfruchtbare Ver- Grenzbvten. ->8Iii- II. 61