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Erinnerungen an Kotzebue : 1761 bis 1819.
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sittlicher Voraussetzungen, wie wir sie bei Ccilderon finden, macht zwar eine buntere Mannigfaltigkeit des Lebens unmöglich, aber es schließt wenigstens die wüsten Extravaganzen der Einbildungskraft aus. Wir wollen Kur auf ein Beispiel aufmerksam Machen. Da der Knoten des Lustspiels gewöhnlich sich auf ein Eheverhältniß bezieht, so ist der Standesunterschied, der liebende Herzen trennt, seit alter Zeit ein beliebtes Motiv gewesen. In der Zeit Calderons dachte man sich eine Mesalliance gar nicht als'möglich. Ein Dichter da­gegen, wie- Kotzebue, der überall die Stimme der Natur gegen die künstlichen Formen der Sitte geltend machen, möchte, und der es doch wieder vermeiden muß, einem hohen Adel und einem verehrungswürdigen Publicum, welches seine Stücke besucht, beschwerlich zu fallen, kommt durch einen solchen Conflict in unauflösliche Verlegenheiten, denen er sich nur durch eine äußerliche Lösung zu entziehen weiß. Im Anfang, wo die Stimme der Natur bei ihm noch ver­nehmlicher sprach, wird das Vorurtheil des Adels nur bei , ganz lächerlichen Personen geduldet, allmälig aber merkt er bei feinem Publicum, daß dieses Vorurtheil doch noch nicht so ganz ausgerottet ist, und so finden wir regel­mäßig in seinen spätern Stücken, in denen sich ein Junker in eine Schul­meisterstochter oder eine Bäuerin verliebt, daß sich zuletzt die Dirne als adliges Fräulein herausstellt. Trotzdem wagt keine seiner Personen dieses Vorurtheil laut und offen auszusprechen, sie bemänteln es durch gesellschaftliche Rücksichten, durch die Ungleichheit der Erziehung u. dergl., und es ist zuweilen höchst spaßhaft, wie sie sich drehen und wenden, um das Ding nicht beim rechten Namen zu nennen. Freilich in einer poetischen Welt, wo-die jungen Lieutenants massenweise Almosen austheilen und für arme bedrängte Wittwen forgen, wäre der Adelsstolz bei einem wirklich gebildeten Manne eine un­erhörte Abnormität. Die sentimentale Welt, in welche uns Kotzebue einführt, steht der Wirklichkeit noch viel serner, als die ideale Welt Goethes, und Schillers.

Daher wird in seinen Lustspielen der Satire auch meistens die Spitze abgebrochen. Eine Satire, die poetisch auf uns einwirken soll, muß gegen reale, positive, allgemeine Seiten des Lebens gerichtet sein. Kotzebnes Satire dagegen bezieht sich nur auf Oberflächlichkeiten der Gesellschaft, abgesehen von seinen literarischen Satiren, in denen er immer ganz roh und gemein ist. Lehrreich ist ein Stück, welches seiner Zeit auf den deutschen Bühnen viel Erfolg gehabt hat,die Sucht zu glänzen" -1801. Das Bestreben, sich auszuzeichnen, wirv als die Quelle der menschlichen Verkehrtheiten dargestellt. In einer Familie hat jedes Mitglied eine bestimmte fire Idee. Der Vater legt, um der Modethorheit zu huldigen, große Mineraliensammlungen an; die Neigung der Mutter hat sich auf glänzenden Schmuck geworfen; die Tochter treibt Wissenschaft und Kunst; der Sohn ist ein leidenschaftlicher Kantianer,