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Wochenbericht.
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Aus Konstantinopel den 17. April. Weiße Ostern in Stambul! So oft ich in den letzten Tagen früh Morgens' erwachte, waren Straßen und Dächer mit Schnee bedeckt, der anch geraume Zeit liegen blieb und oft um Mittag noch nicht ganz verschwunden war. Sie sehen daraus, daß wir diesmal hier ganz besonders hart vom Winter heimgesucht werden, und daß meine frohen Frühlingshoffnnngcn, die ich Ihnen vor zwei oder drei Wochen schrieb, und welche mit mir die ganze hiesige Bevölkerung theilte, unerfüllt geblieben sind. Es ist wieder kothig in den Gassen; die Damen schreiten anfs neue auf hohem Kothurn einher, d. h. auf jenen Hvlzschuhen mit doppelten Ab- oder Untersetzen, die man hier Pantinen auch wol Kalenzen nennt und vermöge deren allein es möglich ist, durch den tiefen Koth mit gelben Pantöffelchen zu passiren.

In den letzten Tagen sind verschiedene Steamer hier eingelaufen, darunter zwei, denen eine höhere Bedeutung, als den andern beizulegen ist. Der eine brachte einen Theil der von der Pforte geliehenen dreihundert Millionen Piaster, wie man sagt, im Belaufe von 10 Millionen Franken; der andere war ein Truppenschiff und hatte 2000 Mann, zumei-st Hochländer, am Bord. Letzteres Schiff langte am Freitag hier an, indeß war es außer Stande, die. Mannschaften noch an demselben Tage ans Land zu setzen, da die See hoch ging uud Unglücksfälle befürchtet wurden. Die Ausschiffung fand deshalb erst am Sonnabend mittelst eines kleinen Dampfers statt. Wie man mir sagt, sind diese ersten britischen Ankömmlinge in der Kaserne von Haydcr-Pascha, zwischen.Skutari und dem Dorfe Kadiköj untergebracht worden.

In einem meiner letzten Briefe drückte ich Ihnen mein Befremden darüber aus, daß seitens der verbündeten Seemächte noch keine Maßregeln ergriffen worden seien , um Varna, d.en wichtigsten Ausschiffungspunkt aus der ganzen bulgarischen Küste, zu decken, > und schon früher, bei Gelegenheit der Erörterung der nächsten Folgen des Donanübergangs bezeichnete ich Ihnen ebendenselben Platz als wahr­scheinliches nächstes Operätionsobject der russischen Armee. Die Wichtigkeit Varuas liegt dermaßen auf der Hand, daß dieselbe von dem hiesigen, nicht militärischen Publicum klar herausgefühlt wird, und in diesen Tagen konnte man ganz dieselben Ansichten und Befürchtungen auf der Gasse und in Kaffeehäusern vernehmen. End­lich verlautete gestern, man habe von Gallivoli direct Truppen nach Varna dirigirt. Dieselben müßten den Bospor nothwendig,passirt haben, und da von einem Durch­gehen irgend welches bedeutenderen Dampfers durch die Meerenge nichts verlautet, so wird die Sache damit ziemlich ungewiß und dürfte sich letztlich auf ein leeres Gerücht rcduciren.

Je mehr es mein inniger Wunsch ist, daß die Maßregeln für den englisch­französischen Hilfskrieg gut getroffen werden möchten, desto schmerzlicher ist es mir, gleich anfangs so eclatanten Fehlern begegnen zu müssen. Die Gefahr, welche Varna in diesem Augenblick länft, ist so unzweifelhaft, die Mittel, es zu decken, sind so reichlich schon vorhanden, es ist dieser Punkt so unwidersprechlich der beste Ans- schiffuugsplatz l,ängs des ganzen bulgarischen Gestades, daß es blindsein heißt, > wenn, man die Nothwendigkeit verkennt, so schnell es möglich zu machen ist, eine starke Hand auf ihn zu legen. Man hat die Flotte hingesendet, und damit ist etwas geschehen, indeß nicht genug, zumal wenn es sich bestätigen sollte, daß der größere Theil derselben gen Odessa steuerte.