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Die Leipziger Abonnementconcerte im Winter 1853-54.
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Mißverständniß das andere drängte, wie die klarsten Intentionen des Componistcn nicht zur Geltnng kamen, nnd der Geist dieses Riesenwerks kaum zu ahnen war, wurde jetzt zu spät kommen und hier zu weit führe«. Freilich mit oberflächlichem Durchspielen in ein oder zwei Proben läßt sich ein solches Werk nicht zwingen, selbst wenn die Kräfte viel bedeutender siud; allem diese Anmaßung ist eben eine Folge der mangelnden Einsicht. Und sehe man ab von dieser allerdings kolossalen Aufgabe. Die Ouvertüren von Chernbini uud Weber waren früher wahre Ca- binetsstücke unsrer Concerte. Sie wurden mit einer Präcision, einer Sauberkeit und Feinheit des'Details, und zugleich mit einer Frische und Begeisterung gespielt, daß es eine wahre Freude war, sie zu hören, uud jetzt wie abgetanzte Ballschönen werden sie durch deu Saal gepeitscht, daß man erschrickt über diese Verzerrung der Schönheit und Anmuth.

Der alte Ruhm der Abonucmeutconcerte nnd durch sie des musikalischen Leip­zigs ist schwer gefährdet; noch einige Schritte abwärts und sie werden auf das Niveau einer Mittelmäßigkeit gesnukeu sein, von wo eine Erhebung schwer ist.

Romanzen.

Alexander PuschkiKs poetische Werke, aus dem Russischen übersetzt von Fr. Bodcnstcdt. Berlin, Decker. 1. Band: Gedichte.

Puschkin ist, wie die bedeutendste, so auch die am meisten charakteristische Er­scheinung der russischen Literatur. Während wir ans der einen Seite die augenschein­lichsten Spuren von dem Eiufluß jener modernen, aus einem gewissen Verwcsnngs- proceß der Bildung hervorgegangenen Weltschmerzpoesie bei ihm antreffen, wie sie sich namentlich durch Byrons Eiufluß über ganz Europa verbreitet hat, drängt sich uhs auf der andern ebenso augenscheinlich ein sehr naturwüchsiges Moment ans, die kräftige volksthümliche Basis, die sich nicht nur in Gesinnungen uud Ueberzeugungen, sondern auch in der Form der Darstellung, in der Erfinduug und Charakteristik äußert. Den Haupttheil dieser Sammlung nehmen Märchcu, Balladen nnd andere Dichtungen epischer Gattung ein. Unter den Märchen findcu wir mehre wieder heraus, die uns durch unsre eigne Volksdichtung bekannt sind ; allein sie haben eine eigenthümliche Färbung gewonnen, die ihnen gar nicht schlecht steht. Es ist eine kräftige sinnliche Anschaulichkeit und eine innere Harmonie darin, die eine echte poetische Begabung verräth. Am wenigsten gelungeü ist dasjenige Gedicht, in welches das moderne Leben mit seiner ganzen Vcrbildung hereinschaut: ,,Graf Nülin;" der epigrammatisch-unsittliche Schluß ist durchaus französisch. Auch die größte dieser epischen Dichtungen,Pultawa", welche die Geschichte des Mazepp" in streng russischem Sinn behandelt, hat für ihre Breite zu wenig poetischen