255
Künste und Wissenschaften empfinden es schwer. Wie bleierner Nebel lastet es ans dem Schöpfnngsdrang in beiden und nur langsam vermögen einzelne Bestrebungen ihre Blüten zu entfalten. Schüchtern beinahe ranken sich wiedergrünende Zweige frisch aufathmcnder Poesie im kalten Nebelgrau einer unempfänglichen Athmosphäre auf. Lnst und Gunst für schöne Wissenschaft nnd Kunst erscheinen fast nur wie Märzsonnenblicke zwischen dichtgedrängten Schneewolken. Kraft und Saft scheint noch nicht wieder in vollem Maße zurückgekehrt in das poetische Geistesleben und vor allem hat die große Welt des vielköpfigen Pnblicnms nicht Zeit zu dessen Pflege und Liebe.
Am schwersten lastet der Drnck der Zeit und ihrer Verstimmung uns dem Theater. Weiter als vorher Decennien haben die letzten Jahre seinen Verfall geführt; Verfall in der Theilnahme des PublicumS, Verfall in der dramatischen Prvductiou, Verfall in der künstlerischen Darstellnng. Von den Jahren social- Politischer Erregtheit war allerdings nicht zu erwarten, daß in ihnen die Empfänglichkeit für die Geschlossenheit dramatischer Kunstwerke gedeihe, weder beim Dichter, noch beim Darsteller, noch beim Pnblicnm. - Dagegen nimmt sicherlich das dauernde Darniederliegen der dramatischen Productivn höhern Stils, ihrer künstlerischen Reproduction und der Empfänglichkeit im Publicum dafür als bedeutungsvolles Gebrechen des Geistes der Gegenwart eine besondere Verachtung in Anspruch.
Wo liegt die Ursache? Allerdings in der Zeit. Aber schwerlich zumeist in den Stimmungen der Massen, d. h. im Publicum des Parterres und der Galerien. In Frankreich, namentlich in Paris mnßte kurz nach der Februarrevolution ein großer Theil der Theater aus Maugel an Besuch geschlossen werden. Man wird sich dieses in der modernen französischen Geschichte unerhörten Ereignisses erinnern. Ebenso überraschend tritt uns dagegen die Thatsache entgegen, daß in Deutschland grade das Pnblicnm des Parterres nnd der Galerien auch in den Zeiten der größten Aufregung dem Theater nicht ganz entsagte; die kleinen unständigen Bühnen, welche den ersten Stnrm überdauerte», haben in den politisch bewegten Zeiten sogar meistens gute Geschäfte gemacht. Dagegen leerten sich Mit 1848 sofort die ersten Räuge uud Logen. Und sie haben sich bis heute noch nirgends wieder regelmäßig in früherem Maße gefüllt, ausgenommen diejenigen Restdenztheater, wo ihr Besuch eine modificirte Aufwartung bei Hofe ist. Wie schr dies häufig der Fall, erkennt man am besten daraus, daß die Lvgeu leer, oder von Hofmeisteru, Gouvernanten und zurückgekommenen Verwandten besetzt sind, sowie mit Gewißheit niemand von der regierenden Familie zn erwarten steht. Dagegen füllen sich in andern Theatern diese Ränge dann ausschließlich, wenn irgend ein Prophet, eine Pepita oder ein dgl. modisches Bühueuereiguiß über die Breter schreiten will. Am spärlichsten sind durchschnittlich in den Mitteltheatern di>! Vertreter der „höhern Bildung" zu entdecken, wenn jene ihre besten Kräfte