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Aus England.
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derspruch. Schlank und von schwächlichem Körperbau, scheint er außer Stande zu sein, die mühsame und Nerven und Mark erschöpfende Rolle eines englischen Staatsmannes zu übernehmen. Als Redner fehlt es Lord Clarendon an Ucbuug und an phy­sischer Kraft. Seine im Privatgespräche angenehm modnlirte Stimme hat für die stürmischen Kämpfe des Senats nicht Metall genug. Er stockt oft; und sein reizbares Temperament gibt ihm etwas Befangenes, was dem Eindruck sei­ner Argumentation schadet. Dennoch weiß er einzunehmen und seine Zuhörer mit Gewandtheit zu behandeln. Aber so ausgezeichnet sein Talent, und so' glänzend viele seiner Gaben sind, so fehlt ihm doch das innere Feuer, das Lord Russell und Palmcrston belebt. Seinem Geiste wäre mehr Muökel uud Sehue zu wünschen; er ersetzt diesen Mangel durch seine Lebhaftigkeit. Seine genaue Kenntniß der Eruährungsquellen des englischen Handels ist nicht sein geringster Vorzug als thätig eingreifender Staatsmann.

Wochenbericht.

Aus Berlin. Wer mit den parlamentarischen Kreisen in näheren Beziehungen steht, wird seit einigen Tagen gewisse Anzeichen der bevorstehenden Kammereroffuung wahrgenommen haben, die dem Publicnm ferner liegen. Die Abgeordneten treffen ein und reihen sich unter ihre rcspcctiven Fraktionen. Die erste Frage, die ausgeworfen und besprochen wird, ist die Wahl des Präsidenten der zweiten Kammer. Bekanntlich errang im Beginn der vorigen Session die rechte Seite in der Person des Herrn Uhden einen Sieg, dessen Dauer die glänzende Unfähigkeit des Gewählten aus nur vier Wochen be­schränkte. Nach Ablauf dieser Probezeit zog sich Herr Uhden unter dem Verwände angegriffener Gesundheit von der Candidatur zurück und die Rechte ersetzte ihn durch Herrn v. Kleist-Retzvw, der es nur auf Stimmengleichheit 4 64 gegen löi ^ mit dem Grafen Schwerin brachte und bei der Entscheidung durch das Loos unterlag. Die Linke stellt jetzt natürlich wiederum den Grafen Schwerin auf, der die Stimmen der Coustitutionellcn, der Bcthmaun-Hvllwegiancr uud eines Theils der katholischen Fraction zum mindesten auf sich vereinigen wird. Da die seit vier Jahren bewährte Leitung des Grafen Schwerin selbst unter seinen politischen Gegnern Anerkennung findet, so ist anzunehmen", daß ihm selbst verschiedene Stimmen der rechten Seite zufallen werden und sein Sieg ist überwiegend wahrscheinlich. Es heißt sogar, die Rechte wolle gar keinen Präsidentschaftskandidaten aufstellen, sondern ihre Stimmen Schwe­rin geben, davon abstehend, auö der Wahl des Vorsitzenden eine Parteifragc zu macheu. Diese Resignation wird iu der ncnesten Nummer der Kreuzzeitung aufs heftigste angegriffen. Selbst ohne Aussicht auf Erfolg müsse die Rechte zur Ehre ihrer Fah. neu für ihre eigenen Kandidaten stimmen. Vu:l.rix «nus-, cliis pliiouii., so<> viel,» <>!>wnl! Cato ist diesmal allerdings etwas deplacirt. Die Kreuzzeituug bedroht zu­letzt diejenigen ihrer Anhänger, die für den Grafen Schwerin stimmen würden, mit der schrecklichen Strafe, fortan nur noch mit Beifügung von Gänsefüßchen als Konservative