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höchst zweifelhafte Haltung bewahrt, so daß möglicherweise eine Abtheilung der osmanischen Heeresmacht gegen dasselbe aufgestellt werden muß. Wäre man zu .wirklichen Gewaltmaßregeln gegen Serbien genöthigt, so würde es ein höchst gefährliches Hinterland werden.
Vom asiatischen Kriegsschauplatz sind bis jetzt alle Nachrichten so verworren, ungenau, einander gradezu widersprechend, daß wir besser zu thun glauben, die Uebersicht vom dortigen Gange der Dinge — soweit sie überhaupt zu gewinnen sein wird, — einer spätern Darstellung vorzubehalten.
Wochenbericht.
Aus Berlin. — Jeder, der aus der Ferne die preußischen Verhältnisse ins Auge faßt, wird sich kaum eine Vorstellung machen können von der tiefen Gleichgiltig- keit gegen alle Fragen der innern Politik, die hier vorherrscht. Eine Woche nur noch trennt uns von der Eröffnung der Kammern. Das Publicum — die Hotelgarni- wirthe und Zimmcrvermicther ausgenommen — kümmert sich nicht mehr darum, als ob das Parlament der Sandwichiuseln am 28. November zusammentreten sollte. Und doch erwarten eine Reihe von Vorlagen in der nächsten Session ihre Lösung, die tief bedeutungsvoll für das Geschick und die Zukunft der preußischen Versassung sind und die dem preußischen Volk für sein eignes Geschick und seine eigne Zukunft ebenso bedeutungsvoll erscheinen müßten, könnte man ihm irgend welches Interesse an dieser Versassung einflößen, könnte man ihm die Einsicht beibringen, daß trotz aller Lücken, trotz aller Zweideutigkeiten und Hinterthüren das Grundgesetz dem Lande noch immer genug Rechte gibt, um dir Ausgangspunkt einer großen politischeu Entwickelung zu werden, falls das Laud davon Gebranch machen will.
Die hiesige Presse ist ein ziemlich treues Spiegelbild der öffentlichen Stimmung. Zwei große Blätter, deren charakterlose Trivialität alle Phasen der Revolution, und Reaction glücklich überwunden hat und bereu Standpunkt umfangreich genug ist, um das Ministerium und die Opposition mit gleichem, großem Wohlwollen zu umfassen, bilden in« tägliche Nahrung der spießbürgerlichen Masse der ZcitungSleser. Ihnen zunächst steht die Nationalzeitung, deren vornehme Doctrin in der Kritik' der bestehenden Verhältnisse aus dasselbe Ziel hinauskommt: auf constitutiouelle Bcthmau-Hollwegianer, Ministerien und Jnnker aus dem grauen Nebel ihres Mißvergnügens mit grämlicher Weisheit herabzuorakelu. Indifferentes Wohlwollen und indifferente Rancüne, das ist die Farbe der verbreitctstcn Zeitungen, sowie es die Farbe der überwiegenden Mehrheit der gebildeten Bevölkerung ist. Unter den Parteiorganen vertritt die Krcuzzcitung die hinterlistige Ausbeutung der Verfassung, das preußische Wochenblatt ihre ehrliche Durchführung. Aber das Publicum des letztern ist klein, und die Partei, welche die eigentliche Garde der Verfassung, sein sollte, die constitutiouelle, ist ohne Organ. Eine Thatsache^ auffallend, unerhört, eine Schande für die Partei. Die Bedeutungslosigkeit der ministeriellen Presse entspricht diesem Zustande der Dinge. Die