502
seine literarische Heimat muß er an dem Ort haben, der auch in politischer Beziehung der Mittelpunkt seines Lebens ist. Ranke hat mehrfach ein sehr energisches preußisches Gefühl ausgesprochen, und es würde doch nicht mit diesem zusammenstimmen, wenn er rein auö Rückficht ans änßere Vortheile sich Jahre hindurch einem fremden Staat anheimgeben wollte, der weder in Beziehung auf politische, uoch auf religiöse Bildung mit Prenßen Hand in Hand geht.
Neue Romaue.
Novellen von Julie Burow. 2 Bde., Leipzig, Costenoble. — Die Verfasserin, Frau Pfannenschmidt in Bromberg, hat sich früher durch eine gekrönte Preisschrift: Das Pfarrhans in Nathangen, und die Romane: FranenlooS, und: Ans dem Leben eines Glücklichen, bekannt gemacht. Die Novellen sind alle gut erzählt und verrathen einen gesunden, sittlichen Sinn. Der Stil ist nicht immer correct, am wenigsten da, wo die Verfasserin zu poetisiren versucht, z. B. Band 2, S. -I. „Aber was ist es, das das sehnende Herz verlangt? Nach welchem Genuß ringt des Glücks dürstige Seele? Welch ein Bad der Wonne soll das Ich umspülen, das sich verdorrt sühlt und schmachtet?" — Das ist eiu sehr schlechter Geschmack. Wo aber die Verfasserin einfach und ansprnchslos erzählt, findet sie eine sehr gute Form der Darstellung. In der Vorrede bemerkt sie übrigens: „Bei allem, was ich schrieb, bei allem, was ich zn schreiben fähig bin, ist höchstens der die Begebenheiten und Charaktere zusammenknüpfende Faden Dichtung. Die Menschen, die ich schildere, habe ich gekannt; die Begebenheiten, die ich erzähle, sind unter meinen Angeu durchlebt worden." Es wäre sehr schlimm, wenn dies im strengsten Sinne deö Wortes wahr wäre, denn es wäre sowol unrecht gegen die wirklichen Umgebungen, die man doch nicht so ohne weiteres dem Publicnm vorführen darf, als auch gegen die Dichtung, die nicht aus Mosaikarbeiten zusammengesetzt sein will. Aber wir glauben auch nicht recht an diese Erklärung. Es geht ein zu frischer Zug durch die Erzählungen, als daß wir annehmen sollten, sie seien ein loses Gewebe aus alten Reminiscenzen. —
Zwei Schwestern. Ein Roman in 3 Bänden. Berlin, Veit und Comp.
Der Roman rührt augenscheinlich von einer Dame her, die dem jüdischen Glauben angehört, nnd die, wenn wir aus einzelnen Localschildernnge» schließen dürfen, ans derselben Provinz stammt, wie Fanny Lewald nnd Fran Pfannenschmidt. Der Roman spielt in der neuesten Zeit nnd nmfaßt die Ereignisse von der Thronbesteigung des gegenwärtigen Königs von Preußen bis zur Revolution.