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Herzen, von seiner Gemahlin begleitet, nach Amerika ans. — In dieser letzten Katastrophe ist wieder ein großer Uebelstand. Im ersten Act tritt uns der Prinz von Oranien als ein Selbstherrscher entgegen, der den vollkommen unschuldigen Greis, seinen ehemaligen Freuud und Erzieher, blos weil er seinen ehrgeizigen Absichten im Wege steht, auf das Schaffet schickt, der ihn aber im letzten Augeublick noch retten könnte, und es nur darum nicht thut, weil Barneveltd sich nicht vor ihm demüthigen will. Im letzten Act dagegen, wo es gilt, einen doch nur scheinbar Schuldigen zn retten, was um so mehr seine Pflicht wäre, da er das an dessen Vater begangene Unrecht wieder gut zu machen hat, erklärt er sich plötzlich für unfähig, dem Lauf der Gerechtigkeit Einhalt zu thuu. Nuu mögen allerdings im Lanf der Zeit Umstände eingetreten sein, die seine Macht eingeschränkt haben, aber im Drama soll ja eben Einheit der Handlung herrschen, und was wir nicht selbst erleben, daran glaubcu wir nicht. So erscheint uns also das Verfahren des Prinzen, der in diesem Stuck das Schicksal vertritt, durchaus willkürlich, roh und barbarisch, und wir müssen zu sehr au seine Schuld denken, um der Schuld der übrige», die für nns die Hauptsache sein sollte, die gehörige Aufmerksamkeit zuzuwenden. — Wenn wir aber von diesem Hauptfehler absehen, so ist die Entwickelung der Handlung, wie sich auch schon aus unsrer kurzen Jnhalsanzeige ergeben wird, den strengsten Gesetzen der Kunst entsprechend, und die poetische Ausführung des einzelnen ist angemessen und würdig. —
Herr Neumeister ist zu seiner Tragödie offenbar durch Hebbel augeregt worden. Er hat die Uebelstände dieses Stücks lebhast empfunden und sich dadurch angeregt gefühlt, seinerseits eine poetische Zurechtlegung jener Handlung zu unternehmen, bei der er im übrigen alle einzelnen Züge, ja selbst die Namen aus Hebbel beibehalten hat. Einer von den Fehlern des „Herodes nnd Mariamne" von Hebbel, auf deu wir bei unserer Besprechung dieser Tragödie hingedeutet haben, liegt darin, daß die eigentliche Handlung vor den Anfang des Stücks fällt uud sich nur nachträglich wie in ciuem Proceß allmälig vor uus entfaltet; wenigstens zwei Hauptnmstände, die znr Beurtheilung der spätern Katastrophe nothwendig sind, die Schuld des Herodes und die Liebe der Mariamne zn ihrem Gemahl, ehe sie von dieser Schuld unterrichtet war, bleiben nns vollkommen unklar; wir erhalten nur Referate darüber, aber keine wirkliche Anschauung, und so kommt in die ganze Handlung etwas Unlebeudiges nnd Abstractes. Um diesen Fehler zu vermeiden, beginnt Herr Nenmeister mit dem siegreichen Einzug des Herodes iu Jerusalem und mit seiner Verheirathung. Dadurch werden uus allerdings die politische» uud sittlichen Voraussetzungen viel deutlicher, wie bei Hebbel, wir scheu die Motive der Handlung klar vor Augen nnd leben uns in die einzelnen Charaktere ein. Sonderbarerweise aber hat der Dichter den Hauptpunkt, die Ermordung des Hohenpriesters, doch wieder ans das unsichtbare Theater verlegt. Ob so etwas vor dem Anfang des Stücks oder mitten im Stücke spielt,