Beitrag 
Neue Romane.
Seite
372
Einzelbild herunterladen
 

372

Pointen auffuhren konnten, mit Anmnth und Grazie zu einem harmonischen Bilde umschafft. Ebenso ansprechend ist das sinnige Stillleben der Natur aufgefaßt: der Tannenbaum, der in seiner Kindheit sich darüber ärgert, wenn die Hasen über ihn binwegspriugen, bis er endlich abgehauen wird und nach knrzer, glänzen­der, aber unbequemer Pracht am Weihnachtsabend, zuerst in die Polterkammer geworfen wird, wo er ein paar ehrlichen Mäusen Geschichten erzählt uud endlich den Tod in den Flammen findet; das Fliedermütterche», das dem alten Ehepaar die Sagen ans der Fliederlaube in die Ohren flüstert und sich kochen läßt, um als Thee dem Knaben, der den Schnupfen hat, Tränme von einer bunten, lustigen Zukunft ein^uathmen; die Schneekönigin, die im Fcnsterfrost die phan­tastische Herrlichkeit ihres Zauberschlosses am Nordpol abspiegelt; der Erlenbügel, ans dem die Kobolde aus allen Gegenden uud Sagen zusammenkommen, um sich an ihren gegenseitigen Sprüngen zu belustigeu. Uuter den Thieren liebt der gemüthliche Dichter vor alle» die Störche; sie haben etwas Heimisches, sie sind die Schutzgeister eines friedlichen Herdes, nnd doch bringen sie wunderbare Sagen aus dem südlich schönen Lande ihrer dichterischen Heimat, freundlich grüßend auf jeder neuen Wanderung in das vertraute Strohdach herüber. Ucberall sind wir in einer lieblichen Traumwelt, nicht in jenen hastigen Scelen- bewegungen, die aus einem Ucberquellen des heißen Blutes entspringen, sondern in den leichten Morgenträumen, die wie ans einem bunt wechselnden Abendgewvlk neckisch an unserm iuuern Gesicht vornberglciten, nnd in denen wir mitunter einen glücklichen Blick in die Natur der Dinge thun, den Abglanz einer wahren An­schauung, die iu dem Gewühl des Tageslebens »»beachtet an uns vorüberging. — Die neue elegant und zweckmäßig ausgestattete Ausgabe beweist die fortdauernde Theilnahme des Publicums für diese Märchen und für die übrigen Schriften Andersens.

Nicolaus Lenan's Briefe an einen Freund.

Herausgegeben mit Erinnerungen an den Verstorbenen von Karl Mayer. Stuttgart, Mäcken, 18S3.

Voraussichtlich werden in kurzer Zeit noch von verschiedenen Seiten Mit­theilungen über das Leben des unglücklichen Dichters erfolgen, der an poetischer Begabung den meisten seiner Mitstrebenden überlegen war. Vorläufig sind auch schon diese Briefe ein sehr werthvoller, literarhistorischer Beitrag, nicht nur für die Charakteristik des Dichters selbst, sondern anch für das Leben und Treiben der sogenannten schwäbischen Schule. Zwar fällt n»s die Redseligkeil und gemüthliche Breite des Verfassers zuweilen lästig, indessen es steht in dem Buch soviel Interessantes, daß man über diesen Umstand schon hinwegsehen kann.