Beitrag 
Aus England.
Seite
276
Einzelbild herunterladen
 

27«

wäre, und daß er erst auf Dänemarks Seite trat, als er sah, daß Preußen in Deutschland ganz allein stand, und daß die andre deutsche Macht, Oestreich, in dieser deutschen Sache entschieden sür Dänemark Partei nahm, aus Besorgnis), daß das vorgeschlagene Arrangement den Einfluß Preußens in Norddcutschland vermehren würde. Hätte sich damals, wie es noch heute möglich, wünschenswert!) und nothwendig ist, eine enge Allianz zwischen England, Oestreich und Preußen gebildet, nm dem Einfluß Rußlands entgegenzutreten, so wären wir schon damals weiter gekommen.

Wochenbericht.

Mtnsik. Der längst erwartete französische Tenor Roger trat am Dienstage (3. Aug.) das erste Mal als Georg Brown in der weißen Dame auf. Es ist nicht möglich, nach dieser ersten Vorstellung ein bestimmtes Urtheil zu geben und später erst werden wir ausführlicher berichten. Der Eindruck, der im allgemeinen im Publicum geblieben, ist ein sehr günstiger zu nennen, obwol nicht geleugnet werden darf, daß die Erwartungen nicht in jeder Hinsicht befriedigt wurden, oder vielmehr, daß die Vorstel­lungen, die man sich über sein künstlerisches Wesen gemacht hatte, andrer Art waren, als sie von ihm selbst realisirt wurden. Rogers Stimme ist immer noch klangvoll, aber nicht mehr frisch; die tiefen Töne uud die Bruststimme erklingen kraftvoll und ohne heiseren Athemzug, deshalb machten besonders getragene Cantilcnen einen wohlthuenden Eindruck. In nicht immer angenehmem Gegensatze steht das Falset, das schwach uud heiser erscheint und am meisten dann ungünstig wirkt, wenn er getragene, langsamere Melodiephrasen aus der Bruststimme in die Kopftöne überführt. Ein Zeugniß seiner Meisterschaft aber legt er dann ab, wenn er in schnellflicgender Koloratur und in her­abgehender Tonleiterfigur mit Hellem Tone die Register verbindet. Er zeigt dann die höchste Eleganz und sang oft Verzierungen, die wegen ihrer Geläufigkeit und ihres guten Geschmacks impouirten. Die musikalische Ausführung erschien oft befremdend. Man erwartete von dem Franzosen ein lebhafteres Acccntuiren, schnellere Tempi; aber diese Eigenschaften zeigte er nur an einzelnen Stellen, sonst herrschte ein gewisses bequemes Tragen vor uud eine Willkürlichkeit in der Taktbeweguug, die das Ensemble oft in un­angenehme Schwankungen versetzte. Viele Tempi faßte Noger gegen die bei uns gewohnte Weise aus; vielleicht gab er die getreue französische Auffassung, die Pariser Tradition. Es läßt sich dagegen nicht streiten, aber das wagen wir anszusprcchen, daß Tichatschccks Georg Brown uns lustiger, .unbesorgter und jugendlicher erschienen ist, daß er eher aussah wie ein thörichter junger Mann, der sich wol eines WeibeS wegen zu einer Un­vorsichtigkeit hinreißen lassen konnte. Die fremde Sprache hat gewiß in einzelnen Fällen zu den oft bemerkbaren Schwerfälligkeiten mit beigetragen und das so häufige Ziehen und Dehnen wirkte eben darum auffälliger. Als Virtuos in Gesang und Darstellung