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Ludwig Tieck`s gesammelte Schriften.
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Ludwig Tieck's gesammelte Schriften.

, Vollständige Ausgabe in 12 Bände». (Berlin, G. Reimer.)

Eine Gesammtausgabe von Tieck's Novellen war bis jetzt unmöglich gewesen, weil sie der Dichter an verschiedene Verleger gegeben hatte. Der Reimer'schen Buchhandlung in Berlin ist es gelungen, diese Schwierigkeiten zu überwinden, und so liegen uns jetzt in ausprecheuder und zweckmäßiger Ausstattung die vier ersten Bände einer Gesammt-AuSgabe vor, die auf 12 Bände berechnet ist. Sie enthält folgende Novellen:Die Gemälde" (1823),die Verlobung" (1823), die Reisenden" (182Y,Musikalische Leiden und Freuden" (182i),,der Ge- hcimuißvolle" (1823), daöDichterleben" in drei Theilen (182031),Glück giebt Verstand" (1326),der fünfzehnte November" (1827),der Tod des Dichters" (1833),der Jahrmarkt" (1832),der Hexensabbat!)" (1832).

Es ist hier nicht der Ort, uns über den al'solnten Werth dieser Novellen auszusvrccheu. Sie gehören nicht mehr der Tagesliteratnr, sondern der Literatur­geschichte an, dort finden sie ihre genauere Würdigung. Nur soviel wollen wir hier bemerken, daß wir ihren relative» Werth sehr hoch stellen. So sehr sie auch von der allgemeinen Krankheit der Zeit inficirt sind, so uustät, wandelbar und haltlos sehr hänfig ihre Charaktere, so unklar uud zerflossen uns ihre Situationen entgegentrete», so finden wir doch, wenn wir sie mit den meiste» Produeten der neuern Belletristik vergleichen, so viel Bildung, Geist und Schärfe der Beobachtung darin, daß wir keinen Zweifel haben können, sie in eine ganz andere Sphäre der Poesie zu verlegen. Es geht uns mit unseren Dichtern ganz sonderbar. Tieck ist nicht der Einzige, den man viel hoher geschätzt uud viel weniger gelesen hat, alö er es verdiente. Legeu wir den Maßstab der strengen Kunst an seine Leistungen, so würde» wir nur sehr wenige uuter seine» Werken fittden, die uns unbedingt befriedigten; denn ganz abgesehen von seinen eigenthüm­lichen Doctrinen, die sich selbst i» einer Zeit, wo er theoretisch bereits mit ihnen gebrochen hatte, in seiner Belletristik noch immer viel zu vorlaut hervordrängten, liegt in dem ganzen Prineip seines Schaffens etwa« Ungesundes und Unlebeudiges, je»e Blässe der Reflexion, die, wie Hamlet sich ausdrückt, die angeborene Farbe der Entschlossenheit zurückdrängt. Aber wenn wir diesen absoluten Maßstab bei Seite legen, so begreifen wir wieder nicht, daß diese Novellen nicht ein größeres und allgemeineres Juttresse erregt haben. Denn wenn sie auch viel mehr gelesen sind, als irgend ein anderes Werk unseres Dichters, so sind sie doch immer ans einen exclnsiven Kreis eingeschränkt geblieben, nnd auch dieser hat sich in der Regel mit einer oberflächlichen Bekanntschaft begnügt. Man hat sie sich ans der Leihbibliothek hole» lassen, sie flüchtig durchblättert, wie man es mit anderen Taschenbüchern thut, um den ungefähre» Inhalt zu erfahre», uud dann hat man Gmlzboten, II. 18K3. , Z3