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Wochenbericht.
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W o ch e n b e r i ch t.

Aus Cvnstantinopel. 1. 8. Mai. Wer die Dinge cm Ort und Stelle selber beobachtet, kann nicht mit der Auffassung des Journals des Debats, dem zufolge der russische Einfluß augenblicklich der ausschließliche und das osmanischc Reich ihm unwiederbringlich verfallen sein soll, übereinstimmen. Vielmehr streiten eben jetzt die vier europäische» Großmächte mit so vielem Eifer wie jemals, um Raum aus diesem so zu sagen neutralen Felde entweder neu zu gewinnen, oder zu behaupten. Die Sen­dung Lord Stratford's ist, Seitens Englands, ohnehin Beweis genng hierfür; Frank­reich hat seinem hiesigen Legativnsches, Herrn de Lacour, eine Flotte von acht Linien­schiffen bis zum Piräus vorausgehen lassen, ehe derselbe hier anlangte, und hat die nämliche Flotte seitdem durch zwei andere Linienschiffe verstärkt. Niemals seit dem Jahre 18iO, wo Admiral Lalande elf Linienschiffe in den Gewässern der Levante ver­einigt hatte, befand sich eine französische Streitmacht von solcher Stärke in dieser See­gegend; ja niemals seitdem war überhaupt irgend sonst wo, weder von England noch von Frankreich, eine so mächtige Escadre vereinigt worden. Endlich steht Oestreich im Begriffe, in der Person des Herrn von Brück, den eminentesten unter seinen gegen­wärtigen Staatsmännern, nach Constantinopel zu senden.

Am verwandtesten sind die östreichischen nnd englischen Bestrebungen unter einander. Darf man einigen hier umgehenden Gerüchten, die aus guten Quellen zu fließen schei­nen, trauen, so ist auch neuerdings eine Verständigung zwischen den Cabinetten von Wien und London entweder bereits erfolgt, oder mindestens doch in der Anbahnung begriffen, in deren Folge beide Mächte, rücksichtlich des türkischen Reiches, ein gemein­sames Verfahren sich zur Vorschrift machen, und die Erhaltung seiner territorialen In­tegrität als Princip annehmen würden. Schon vor acht Tagen schrieb ich Ihnen, daß die Beziehungen Oestreichs zur osmanischen Pforte um Vieles sich freundlicher zu ge­stalten begännen. Diese Wendung scheint noch im Fortschreiten zu sein, und dürfte den Herrn von Brück, gleich bei seinem ersten Auftreten, in eine wesentlich andere und günstigere Stellung versetzen, als Anfangs zu vermuthen war.

Wenn Oestreich und England bei Aufrechterhaltung der territorialen Integrität deS Osmancnreichs in einem bedeutsamen Hauptpunkte passiver Politik mit einander über­einstimmen, so ist auch ihr System activer Politik, durch eine glückliche Symmetrie geographischer Verhältnisse, auf dieselbe Basis verwiesen. Nutzbarmachung des türki­schen Gebiets, welches ein so wesentliches und umfangreiches Glied in der großen occidentalisch-morgenländischen Länderkette ist, sür Handel und Industrie der diesseitigen Welthäfte, ist ohne Zweifel der Hauptgrundsatz, den man dabei im Auge behalten wird. In diesem Sinne wollen Sie es verstehen, wenn gegenwärtig englische Ingenieure nicht nur mit Ausmessung uud Veranschlagung einer Eisenbahnlinie, welche dereinst Constanti­nopel und Belgrad verbinden soll, beschäftigt sind, sondern auch bereits über eine viel gewaltigere Schieueuverbindung zwischen hier und Bagdad Studien machen.

Man mag die Dinge anschaueu von welchem Standpunkte man will, die eine Thatsache steht fest, daß, in demselben Maße, in welchem die Ohnmacht des türki­schen Reiches zunimmt und seine Hinfälligkeit offenbar zu Tage tritt, die Bedeutung der von den Osmanen beherrschten Länder steigt und immer entscheidender auf die