330
Mecklenburgische Dorffeste.
i.
Kaum noch einige Jahrzehude unserer rasch nivellirenden Cultur mit ihren Eisenbahnen, Chausseen, Postverbindnngen, Zeitungen, und die Eigenthümlichkeiten des mecklenburgischen Landvolkes können bis auf den letzten Hauch verwischt sein. Schon jetzt kann man von Jahr zn Jahr spüren, wie unsere bäuerliche Bevölkerung in ihren Sitten einen immer städtischeren Charakter anzunehmen sucht. Charakteristische Spiele, die wir als Jungen tagtäglich zu üben pflegten, kennt die jetzige Jugend kaum dem Namen nach mehr. Angewohnheiten, welche sonst der Stolz des Großknechtes waren, werden als veraltet mit verächtlichem Spott behandelt. Auch die Bauart der Häuser, die Kleidung von Alt und Jung, Mann und Frau, wird immer der städtischen ähnlicher. Gar viele mecklenburgische Baucrndörfer konnte man sonst durchreisen, bis man die Spur auch nur eines einzigen Schornsteins entdeckte, jetzt wird jedes neugebaute Hans, und sei es selbst das eines „Einlegers", gewiß mit einem solchen versehen, ja rothe Ziegeldächer mischen sich mehr und mehr unter die alten braungrauen, mit grünem Moos bewachsenen Strohdachungen. Ein Mädchen mit „Stadtzeug" wäre in einem echten mecklenburgischen Bauerndors noch vor zehn Jahren von den Jungen auf der Dorsstraße verhöhnt worden, nnd selbst die reichste „Schultentochter" oder die städtisch erzogene Frau des Schulmeisters mußte zu dem kurzen faltigen Rock von im Dorfe selbst gemachtem, buntgestreiftem Zeuge mit den mehrfachen grünen Bändersäumen im untern Rand, und den Bindleibchen sich bequemen, jetzt sieht mau bunte Kattunkleider unter den Bauernmägden, besonders in solchen Dörfern, welche dem Verkehr der größeren Städte näher liegen. Und doch hat sich in den mecklenburgischen Bauerndörsern noch viel Charakteristisches erhalten, nnd eine aufmerksame Wanderung liefert dem Freund des Volkslebens noch manch buntes Bild, wie er es in der Art in ganz Deutschland nirgends wieder fiudct.
Möge der freundliche Leser mich auf einer solchen durch meine heimathlichen Felder begleiten. — Will mau ein mecklenburgisches Bauerudorf iu seiner ganzen Eigenthümlichkeit kennen lernen, so muß man keinen Gutshof besuchen, wo neben dem prächtigen Schloß des Herrn oft einige Dutzend schlichter Einleger oder Tagelöhner wohnen. Ein großes Bauerndorf, in dem die bäuerliche» Wirthe mit ihren sechs bis acht Pferden und fünfzehn bis zwanzig Kühen ihren Pachtzins an die Großherzogliche Domaiueukammer in Schwerin zahlen müssen, wo möglich in fruchtbarer Gegend und fern von dem Verkehr der Städte gelegen, eignet sich am Besten dazn.