324
erscheinen, wie gesagt, nicht im besten Lichte, aber die Opposition kommt noch viel schlimmer weg, und es ist durchaus nicht abzusehen, aufweiche Weise Lamartine seine neugewonnenen Ueberzeugungen mit seinen angeerbten Sympathien in Uebereinstimmung bringen will. Im Grnnde spricht immer noch der Edelmann und der Höfling, der dadurch keineswegs gebessert ist, daß er eine Zeitlang dem sogenannten souverainen Volk den Hos machte, anstatt dem Könige, und der seine Abneigung gegen den Bürgerstand nie verlängnen kann. Diese chevalereske Auffassung der Geschichte zeigt sich eben so in dem, was er verschweigt, als in dem, was er sagt. Denn wir werden das ganze Buch hindurch nur mit Intriguen, Kabalen und Verschwörungen unterhalte»; von dein productiven Leben des Volks, von den Fortschritten der Cnltnr, von der Verwaltung, kurz von der eigentlichen Politik erfahren wir nichts. Mit einem Wort, der Mann der Zukunft verfährt gerade wie ein Geschichtschreiber des vorigen Jahrhunderts, er hält sich an die Haupt- und Staatsactionen, an die dramatischen Wendungen und Knotenpunkte der Ereignisse: für ihre materielle solide Grundlage, das Kulturleben, hat er kein Interesse und kein Verständniß.
Wir mußten all diese Fehler sehr scharf hervorheben, weil sie mit dem Wesen der französischen Politik aufs Eugste zusammenhängen, jener Politik, die uns so lange auf Irrwege geführt hat. Aber wir dürfe» auch die Vorzüge des Buches nicht verschweigen, die zwar für jene Fehler keineswegs einen genügenden Ersatz gewähren, die aber doch bedeutend genug sind, um uns bei der Lectnre zu spannen und anzuregen. — Die Portraits von den einzelnen Personen, die er mit Liebe und Sorgfalt ausführt, siud, als künstlerische Kompositionen betrachtet, meisterhaft, und es ist auch immer eine gewisse Wahrheit darin. Denn Lamartine fehlt es keineswegs an dem schnellen Blick, bedeutende Eindrücke aufzunehmen nnd zu gestalten, sondern nnr an der Nnhe und Gelassenheit, diesen ersten Eindruck durch weitere Beobachtungen zn ergänzen nnd zu berichtigen. Die einzelnen Züge, die er zur Charakteristik anwendet, sind meistens sehr glücklich gewählt und von einer schlagenden Wirkung, und er weiß anch für die schwächsten Menschen unsere lebhafte Theilnahme anzuregen, weil er ein deutlich ausgeführtes Bild von ihnen giebt. Am glänzendsten ist er in der Zeichnung solcher Charaktere, deren geheime Motive er zn durchschauen versteht, weil sie mit den seinigen verwandt sind; jener bohlen Existenzen mit einer glänzenden Außenseite oder jeuer gemischten Naturen, in denen kein Motiv znm herrschenden wird, weil das eine beständig dem andern in den Weg tritt. Es ist in diesen Schilderungen zwar kein großer, historischer Styl, aber jene feine und geistreiche Detailarbeit, die dem schwächlichen Zeitalter der Restauration angemessen ist. In den Nüancen seiner Physiognomien ist ein Reichthum uud eine Lebendigkeit, aus der wir den Dichter heraus erkennen, mehr als ans den berühmtesten seiner lyrischen Poesien, weil in diesen alle Gestalt fehlt. — Ferner weiß er für jede