Beitrag 
Wochenbericht.
Seite
307
Einzelbild herunterladen
 

307

doch alle deutschen Schauspieler zusammengenommen in die Schule gehen. Dieses harmonische Ineinandergreifen ist man in Deutschland leider nur bei Or­chestern gewohnt, wenn ein tüchtiger Kapellmeister die Herren mit seinem Stäbe zusammenhält.

Türkische Zustände.

Constantinopel, den 26. April 18ö3,

Die Lage ist eigenthümlich. Kaum besteht noch ein Zweifel darüber, daß die Hauptschwierigkeitcn, auf welche die hier gepflogenen Unterhandlungen gestoßen waren, überwunden sind; der Conrierwechsel ist minder lebhaft geworden, die Kon­ferenzen der Minister unter einander sowol wie mit den fremden Vertretern folgen nicht mehr Schlag ans Schlag, die hohe Societv von Pera ist minder erregt und dennoch will das eigentliche Zntraueu, welches man noch vor Jahr und Tag in die hiesigen Zustände setzte, nicht zurückkehren. Die Verständigen zwar sind unter sich völlig darüber einig, daß in der nächsten Znkunft die Integrität des ottomanischen Reiches nicht angetastet werden wird; aber man ist über diese Zu­kunft nur beruhigt, sofern sie eben nächste, d. h. ein Zeitraum von einigen Mo­naten ist. Es liegt also Etwas in den Zuständen dieses Landes, was dem öffent­lichen Vertrauen zu dem Bestände der gegenwärtigen Ordnung entgegenwirkt. Hauptmotiv für alle Besorgnisse ist ohne Zweifel der Fortbcstand des seitherigen Ministeriums. Die Männer, welche es bilden, und namentlich sein Chef, Me- hemmed Ali Pascha, haben sich seither so durchaus unfähig erwiesen, nicht allein das Nnder des Staates zu führen, sondern auch nur seine Stellung gegenüber Eu­ropa zu begreifen, sie sind dabei dermaßen befangen in Vorurtheilcu und der Großvezicr lSader-Azam), ist in so hohem Maße Fanatiker, daß nicht abzusehen ist, wie eine von solchen Kopsen geleitete Politik sich durch die äußerst schwierigen Defileen hindurchwinden wird, deren es auf dem eingeschlagenen Wege so viele giebt.

Sie werden ehestens wiederum irgend eine Thorheit begehen," das ist der einstimmige Ausdruck der hiesigen allgemeinen Meinung; aber wohlge­merkt: ich habe dabei nur Pera im Auge und fränkische Ansichten; denn wenn hätte jemals Stambul, auf der anderen Seite des goldenen Horns, mit den Giaur's, auf der diesseitigen einerlei Meinung getheilt. Im Gegentheil sind die Türken mit den gegenwärtigen Ministern zufrieden, uud, so sonderbar es auch klingen mag, es ist unautastbare Wahrheit, daß man in die Männer, unter deren Leitung das Reich so eben die härtesten Concessionen gemacht und die unüberleg­testen Unternehmungen begonnen und sodann mit Schmach aufgegeben hat, die Hoffnung setzt: sie wurden dem Halbmonde zum alten Ansehen zurück verhelfen und sein Supremat im Südosten Europa's aufs Neue feststellen.Unter Neschid

39*