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Die katholische Kirche und der Protestantismus.
Die Propaganda, ihre Provinzen und ihr Recht. Mit besonderer Rücksicht auf Deutschland, dargestellt; von Otto Mejer, Professor der Rechte in Rostock. 2. Band. (Göttingen, Dietrich).
Fast in allen Ländern Europa's wird man im gegenwärtigen Augenblick daran erinnert, daß das ultramontane System noch immer eine sehr ernste Wahrheit ist. Wir haben vor einiger Zeit die Streitigkeiten beleuchtet, welche innerhalb des französischen Clerus selbst ausgebrochen sind. Es handelte sich hier nicht eigentlich um den alten Zwist zwischen der galliccmischen und der römischen Partei, denn die erstere existirt innerhalb des französischen Clerus nur noch in einigen schwachen Ueberresten, und die Bischöfe, welche der Eiser des weiter vorgeschrittenen Ultramontanismus als Gallicaner brcmdmarkt, sind in der That nur gemäßigte Ultramontane. Und doch haben wir gesehen, wie die extreme Richtung über die gemäßigte den Sieg davongetragen hat. In allen katholischen Ländern dauern die stillen Umtriebe derjenigen Partei, welche das nationale und staatliche Leben dem kirchlichen opfert, immer fort, wenn auch die Conflicte für den Augenblick weniger schreiend hervortreten; und in der Regel geht die kirchliche Reaction mit der politischen Hand in Hand, um die letzten Freiheiten des Landes zu untergraben. Sardinien, das letzte Bollwerk des Liberalismus in Italien, wird eben so durch die Kirche als durch den übermächtigen Nachbar bedroht, der in ihm immer noch den Mittelpunkt einer künftigen italienischen Erhebung fürchtet. Auch in den protestantischen Ländern ist der Friede mit Rom nur ein scheinbarer. In Irland findet die katholische Kirche einen mächtigen Hebel, um England in Unruhe zu setzen, das die unmittelbaren Uebergriffe der kirchlichen Gewalt weniger berühren können. Im Königreich der Niederlande hat die Aufregung des gereizten protestantischen Geistes zu einem höchst beklagenswerthen Resultat geführt, zum Sturz der liberalen Verwaltung und zur Herstellung eines in politischer wie in religiöser Beziehung orthodoxen Regiments. In Preußen endlich haben wir in der zweiten Kammer eine geschlossene Phalanx von katholischen, d. h. ultramontanen Abgeordneten, die jede politische Zwistigkeit benutzen, um ihre eigene Sache zu fördern. Wenn man also in früherer Zeit behauptet hat, die religiösen Gegensätze seien nur noch ein Wahngebilde, so müssen uns alle gegenwärtigen Verhältnisse auf das Handgreiflichste von dem Jrrthümlichen einer solchen Ansicht überfuhren.
Zwar sind wir überzeugt, daß es nicht blos möglich ist, sondern daß auch wirklich einmal die Zeit kommen wird, wo die beiden Kirchen, indem jede von ihnen ihren Traditionen, Sitten und Gebräuche folgt, brüderlich neben einander hergehen und ohne Neid ihre gemeinsame Ausgabe, die Läuterung der Menschheit,