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Heiberg in Schleswig war amuestirt worden. Aber eine Ministerialresolution erklärt, man werde seine Bestallung nicht bestätigen. Nächst ihm traf den Advocaten Rvnuencamp ein gleiches Schicksal, dann aber ruhete der Srurm einige Monate, und Leichtgläubige meinten schon, er könne vorüber sein. Aber von Kopenhagen kam unterm 25. December 1852 ein raffinirt cmsgedachtes Weihnachtsgeschenk, ein Decret nämlich, welches wieder nicht weniger als dreiuudzwauzig Advocateu im Herzogthume Schleswig die Bestallungen verweigerte, zugleich anch achtnndzwanzig holsteinischen Advocaten die Praxis im Herzogthum Schleswig anbot. Einem während der Interimsregierung vom Oberappellationsgerichte geprüften Schleswiger erklärt man zugleich, seiu Examen sei als nicht geschehen zu betrachten. Und was kam jetzt zum Osterfeste? Das dänische System warf abermals siebenzehn schleswigsche Advocaten aus Amt und Brot. Wo solche administrative Dragonaden zur Tagesordnung gehören, kann natürlich von einem Rechtsznstande keine Rede sein. Auch werden dadurch tausend Rechtsverhältnisse gestört. Bei der Menge adeliger Güter giebt es Hunderte von Jurisdictivns- verhältnissen und nun sind im ganzen Herzogthume kaum noch 2i- Vertreter des Rechts übrig. Zu diesen gehören freilich auch der berufene Baron v. Eggers und Advocat Dubeu, Leute, welche selbst Tillisch, mild ausgedrückt wegen „Un- znlässigkeiteu" entließ, ihnen aber Wartegelder von 600 uud 800 Thlrn. bewilligte, während man anderwärts, zum Beispiel iu Kiel, den Professoren, welche man absetzte, nicht einmal die in Wittwenkassen eingezahlten Gelder zurückgab, und sie zugleich eiues Anrechts auf diese Kassen verlustig erklärte. Was für eiu Ausdruck paßt dafür? Anch der bekannte Advocat Jäger gehört zn jenen 24. In der Stadt Schleswig sind, wie ich höre, nur noch drei uud zwar emeritirte Advocaten vorhanden. Einem derselben, welcher taub ist, wurde die Notariatsbestallung entzogen. Man wird nun Schnb aus Schub Jünger des Rechts aus Dänemark hinoctroyiren. Bei dem Amtsexameu des Appellatiousgerichts in Flensburg hat man ohne Weiteres das Dänische an die Stelle des Lateinischen gesetzt. Denn das Dänische lernt der Däne leichter als das Latein, welches classische Bildung verlangt.
Und nun die Lage der Kirche! Man kennt die Razzia, welche die Verwaltung Moltke-Tillisch gegen eine ganze Masse von'Predigern beliebte. Sie wnrden vertrieben, und fanden zum Theil bis nach dem südlichen Deutschland einen nenen Wirkungskreis, aber wie find die Gemeinden verwaist, welchen man dänische Geistliche aufzwang! Hier mag wieder eine Thatsache Zeugniß ablege». In der Kirche zu Fahreustedt gab der neue Diener am Worte Gottes, (Mohr, ein Isländer,) seinen Comunicantcn am Sonntag nach Nenjcchr statt des Abeudmahls- weines — Rum. Das war dem im übrigen dänisch gesinnten Küster Callseu doch zu arg, er erklärte dem Prediger, er werde die Flasche versiegeln uud sie nebst einem Bericht an das Visitatorium eiuseudeu. Mohr entgeguete, er werde
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