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Neuigkeiten der englischen und französischen Literatur.
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den Bedingungen der endlichen Erfahrung entgegen ist. Dieser religiöse Sinn wäre ein sehr wichtiges und auch segensreiches Moment der menschlichen Ent­wicklung, wenn man ihn nnr nicht ans eine Weise ausbeuten wollte, die, wenn auch nach der entgegengesetzten Richtung hin, an das Mormonenthum erinnert.

Die Pariser Belletristik sängt an eine gewisse Dürre zu zeigen. Interessante Mordgeschichten bilden die Hauptlectüre des Publikums. - Von eleganter Li­teratur sichren wir an: eine neue Ausgabe der Proverbes vouOctave Feuillet, die Fontes äu ?rmtemp8 von Champflenry, einem bittern, ungläubigen Rea­listen, und die edku-g,L>.si'ö5 st rveits cw temps von Molen es, einem sehr schar­fen Beobachter, der namentlich in der Darstellung fieberhafter Naturen ein großes Talent entwickelt.

Die Parteien im französischen Clerus.

i.

Der Streit zwischen der gallicanischcn uud ultramontanen Fraction der französischen Kirche ist zu einer Frage von politischer Wichtigkeit und vielleicht verhängnißvollen Folgen geworden. Mehr noch, als daß die Erbitterung beider Parteien gegen einander aufs Aeußerste gestiegen, daß die Häupter des Episco- pats hineingezogen und in offener und ärgerlicher Spaltung gegen einander auf­getreten sind, daß der heilige Stuhl angerufen ist, zwischen den Bischöfen zu entscheiden, geben die gegenwärtige Lage Frankreichs, die Stellung der neuen Dynastie zur Geistlichkeit und zum Vatican dieser Angelegenheit eine schwere Bedeutung.

Der nächste Anlaß, der den längst vorhandenen Hader zu einer solchen Höhe gesteigert, ist das Verbiet, welches der Erzbischof von Paris gegen das Haupt­organ der Ultramontanen, denUnivers", geschleudert hat. Herr Sibour gehört bekanntlich zu deu freisinnigsten Prälaten der französischen Kirche und ist gleich­zeitig einer der eifrigsten Anhänger des Gallicanismus. Znr Zeit der Verwal­tung Cavaignac's als Nachfolger des Erzbiftbofs d'Affre, der in der Junischlacht zum Märtyrer seines christlichen Friedcnseifers wurde, auf den erzbischöflichen Stuhl von Paris gelangt, galt Herr Sibour lange Zeit snr einen entschiedenen Republikaner, ja man schrieb ihm sogar einige socialistische Neigungen zu uud während der Präsidentschaft Louis Napoleou's herrschte zwischen dem Chef der Republik und dem Haupt der Divcese von Paris eine nicht geringe Spannung. Bei dem römischen Hofe war der Erzbischof wo möglich noch schlechter angeschrie-

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