Die Znnkerpartei in Preußen.
Die Wurzeln der heutigen rittcrschaftlichen Partei in Preußen greifen bis in die frühesten Anfänge seiner Staatsgeschichte. In starrer Widersetzlichkeit stand der märkische Adel schon den ersten hohenzollern'schen Kurfürsten gegenüber, welche die Grundsteine zn denr Ban der Monarchie legten; und stets hat die Adelspartei, dienn der Folge zn verschiedenen Epochen der Entwickelung Preußens sich hindernd in den Weg stellte, ihren Mittelpunkt in der Mark gesunden.
Gebrochen in seiner politischen Berechtigung seit dem großen Kurfürsten, wurde der Adel allmählich der treucste Diener der Dyuastie und des Staates in Heer und Verwaltung. Obschon er jedoch die privilegirte Kaste der Absolutie war, obschon die Beamtenhierarchie, welche den Staat verwaltete, die militärische, ans welcher dessen Macht beruhte, durch seine Mitglieder gebildet wurden, vermochte das eigentliche Corps der adeligen Standschast, der ritterschaftliche Grundbesitz, niemals die wahre Idee des preußischen Staatsthnmö in sich auszuuehmen. Es blieb in ihm ein eigensüchtiges Kasteninteresse zurück, das, sobald es sich geltend machte, die Politik Preußens in falsche und antinatiouale Bahnen trieb.
Dem Berufe dieser Monarchie, aus dem kläglichen Verfall des deutschen Reiches und der völligen Zerrissenheit aller nationalen Bande, ein neues Volksbewußtsein zu erzeugen, ein Staatswesen herzustellen, dessen fortschreitende Entwickelung die Regeneration Deutschlands zn Wege bringen sollte, ist die preußische Ritterschaft stets fremd geblieben. Sie gewann, im Verlauf einer Geschichte, welcher der große Kurfürst schon ruhmvolle Erinnerungen verlieh, während Friedrich der Große sie mit weltgeschichtlicher Glorie nmgab, eine seste Anhänglichkeit an das Königthum, sie liebte in ihm den Staat »nd das Vaterland, aber sie hatte weder Verständniß, uoch Sympathie für dessen eigentliche historische Aufgabe.
Es ist wahrscheinlich, daß die preußischen Fürsten, bis auf Friedrich den Zweiten, auch ohne Bewußtsein dieser Aufgabe sie gleichwol verfolgten, daß selbst der große König sich ihrer nur sehr bedingt bewußt war. Sie handelten jedoch Grcnzboten. IV. 4862. 61