Beitrag 
Londoner Straßenindustrie. 1.
Seite
463
Einzelbild herunterladen
 

463

Man darf jedoch nicht glauben, daß die Straßenindustrie blos für die Er­nährung der Menschen sorge; auch die Thiere werden bedacht. Fleisch für Hunde und Katzen ist ein sehr beträchtlicher Handelsartikel. Der Absatz läßt sich leicht cvntroliren, da alle Verkäufer dieses Artikels sich bei den circa 20 Schindereien m London versorgen. Es werden von denselben jährlich im Durchschnitt 27,300 Pferde getödtet uud ausgeschlachtet, die 73,000 Centner Fleisch sür Katzen uud Hunde hergeben. Es wird zu 2Vs Pence das Psnnd verkauft, meistens an feste Kunden auf wöchentlichen Credit. Die Zahl der Verkäufer von Fleisch für Katzen beläuft sich auf tausend. Meistens tragen sie einen lackirten Hnt, eine schwarze Plnschärmclweste, eine blaue Schürze, Nipshoseu und mehrere Halstücher, was bei ihnen für modisch gilt. Nur arme Anfänger haben Körbe; die übrigen haben auf einem Karren einen Kasten stehen mit einem Brcte, um das Fleisch zu schneiden, und einer Wage. Das Fleisch wird entweder pfundweise, oder in kleineren Quan­titäten auf Stäbchen gesteckt und stets gekocht verkauft.

Noth an der Weise.

Man mnß Lessing's Schauspiele auf der Bühne sehen, um sich einen vollstän­digen Begriff von der großen dramatischen Gewalt dieses Dichters zn machen. Selbst eine schlechte Aufführung vermittelt das dramatische Verständniß mehr, als die bloße Lecture; denn selbst aus den Caricaturen, die ungebildete Schauspieler aus diesen lebensvollen Charakteren machen, empfindet man viel lebhafter, wie sie sich der Dichter eigentlich gedacht hat. Noch immer erhält sich bei uns die durch die Romantiker in Umlauf gesetzte fixe Idee, Lessing sei eigentlich kein Dichter gewesen, höchstens ein Verstandesdichter.Verstandesdichter" ist ein Begriff, der ungefähr so viel Sinn hat, alsHölzernes Eisen", wenn man nicht etwa darnntcr ver­stehen will, daß der Dichter auch Verstand hat, eine Last, an der die meisten unsrer heutigen Dichter nicht gerade schwer zu tragen haben. Man darf im Nathan nur irgend einen beliebigen Charakter herausgreifen, z. B. den Tempel­herrn, um über die Absurdität jener Behauptung in's Klare zu kommen. In dem Tempelherrn ist anch der kleinste Zug so lebhaft und energisch empfunden, er entspringt so unmittelbar, so lebeusfrisch aus der Natur des Charakters, daß der bloße Verstand unmöglich darauf gekommen wäre. Bei normal angelegten Charak­teren, in denen nur eine einzige Bestimmtheit vorherrscht, ist das schwerer nach­zuweisen, als bei einem irrationellen Charakter, in dem eine Fülle von Vornrtheileu und Leidenschaften sich durchkreuzen. Einem Verstandesdichter, d. h. einem Mann, der viel Verstand hat, aber keine Poesie, gelingt es wohl, sich einzelne ausfallende Züge zu ersinnen und diese mit pragmatischer Vermittelung neben einander zu