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Ein Blick auf südslawische Zustande.
Im Augenblicke sind es vorzüglich zwei Vorkommnisse in den südslawischen Ländern, welche die öffentliche Aufmerksamkeit erregen und in weiteren Kreisen bekannt zu werden verdienen: ich meine die Constitnirung der Zrnagvra als weltliches Fürstenthmn und die bosnischen Angelegenheiten.
Au einem andern Orte ist erzählt worden, daß der letzte verstorbene Wladyka- von Montenegro seinen Neffen Danilo Petrowitsch Njegosch zu seinem Nachfolger als geistliches und weltliches Oberhaupt der Zrnagora erklärte. Das Volk der Zruagora hatte jedoch noch bei Lebzeiten des Wladyka Petar den Wunsch ausgesprochen, die geistliche Würde von der fürstlichen zu theilen, und gleich Serbien einen weltlichen Fürsten zum Herrscher zu haben. Der Tod des Wladyka Petar regte diesen Wunsch ueuerdiugs und desto mehr au, als es bekannt war, daß Petar's Neffe und Nachfolger Danilo keine Vorliebe für den geistliche^ Stand fühle. Der Senat der Zrnagora beschloß daher, sich desfalls an den Kaiser von Nußland, als Schutzherrn der Zrnagora, zu wenden, ihm den Wunsch des Volkes darzulegen und ihn zu bitten, diese Frage zu entscheiden. Nachdem sich der Kaiser von der Allgemeinheit dieses Wunsches durch den nach der Zrnagora abgesandten Obersten Nowalewskij überzeugt hatte, reiste Danilo Petrowitsch in Begleitung einer ans mehreren Senatoren bestehenden Gesandtschaft nach St. Petersburg ab. Er fand bei Sr. Majestät nicht nur die beste Aufnahme, sondern auch die Erfüllung aller diesfälligeu Volkswünsche, wurde als „svuverainer Fürst und Herrscher der Zrnagora" anerkannt und mit dem großen Bande des zweithöchsten russische» Ordens ausgezeichnet. Bei seiner Rückkehr nach der Zruagora wurde Knjar Dauilv von seinem Volke enthusiastisch empfangen und begann seine Re- gicrnngöthätigkeit mit der unter diesen Umständen sehr bedentungSoollen Ernennung des Archimandriteu Nikodem Rajtschewitsch znm Wladyka und Metropoliten der Zrnagora. Der nächste Act seiner Herrscherthatigkeit war die an Wuk Stefauowitsch Karadschitsch erlassene Einladung, einen Plan zur Organifirung des öffentlichen Erziehuugs- uud Unternchtöwesens der Zrnagora auszuarbeiten; eben so sollen Reformen iu der politischen und juridische» Verfassung der Zrnagora beabsichtigt und durchgeführt werden.
Mehr jedoch als alles dieses intercssirt uns die neue staatliche Stellung der Zruagora, welche mit einem einzigen Federstriche des Kaisers von Rußland in die Reihe der uuabbängigen Staaten Europas gerückt wurde. Das Laud hatte bisher seine Bedeutung nur durch das Volk gehabt — uunmehr ist es aber in politischer Beziehung ein unsäglich wichtiger Pnnkt für das ganze gräkoslawische Delta geworden, denn es ist von der Meeresseite her der strategische Schlüssel zu den südwestlichen Provinzen der Türkei. Was Rußland durch diese Position