Beitrag 
Marie Antoinette, von Paul Delaroche.
Seite
145
Einzelbild herunterladen
 

115

Vorher aber müssen wir bemerken, daß'in Beziehung auf die Kunst der Malerei ein ausgezeichnetes nnd glänzendes Werk vor nnS steht; namentlich in den Farben ist ein sehr bedeutender Fortschritt gegen den Napoleon zu erkennen. Das Harte und Grelle hat sich gemildert, und die rein materielle Nachahmung der Wirklichkeit hat einem mehr künstlerischen Bestreben Platz gemacht. Diese Anerkennung des Technischen, die bei der Beurtheilung eines jeden Gemäldes in der ersten Reihe stehen mnß, soll durch die folgenden Bemerkungen nicht im geringsten verkürzt werden.

Paul Delaroche hat den Moment gewählt, wo das Todesurtheil über die Königin ausgesprochen ist nnd sie von den Mnnicipalgardcn in ihr Gefängniß zurückgeführt wird. Sie steht ganz in dem Vordergrunde; unmittelbar darauf folgen ihre Wächter mit dem Officier; im Hintergrunde des Zimmers, oder anch in einer Art von halb offenem Seitengemach, denn es ist das bei der Dunkelheit nicht recht zu unterscheiden, stehn noch die Richter und sehen ihr nach; rechts vom Zuschauer ist ein sehr enger Verschlag, in dem sich das Publicum zusammendrängt und die verschiedenen individuellen Empfindungen über die Lage der Königin laut werden läßt.

Auf den ersten Blick sieht man diese Gestalten gar nicht, oder wenigstens so ungenau, daß man nicht recht weiß, ob es nicht bloße Verzierungen des Hinter­grundes sind. Erst bei genauerer Betrachtung treten sie deutlich hervor, nnd man findet, daß sie der Lage angemessen vollkommen richtig gemalt sind. Der Künstler hat zu diesem Zweck folgendes Mittel gebraucht.

Die Sitzung des Tribunals hat tief in die Nacht herein bis zum Anbrechen des Morgens gedauert. Während der Ort, wo die Richter fitzen, durch einige trüb brennende Kerzen in einem düstern röthlichen Licht, erhellt ist, fällt aus einem Seitcnsenster, das man aber nicht sieht, der kalte Strahl eines Octobermorgens hinein und bescheint den Kops und die Brust der Königin, so wie einige in der Nähe befindliche Gegenstände. Die Zuschauertribuue dagegen, so wie der eigent­liche Vordergrund, der hier nur durch das lange Kleid der Königin repräsentirt wird, bleibe» vollkommen dunkel. In dem entfernteren Scheine der Kerzen kann man die Gesichter nicht augenblicklich uuterscheiden.

Der Zweck dieser sonderbaren Beleuchtung war offenbar ein doppelter, Einmal wollte der Künstler das Unheimliche der Situation auch in der Stimmung versinnlichen. Das Morgengrauen giebt dem Gesicht der Königin etwas Gespen­stisches, Todtenähnliches, während die Richter in ihrem roth beleuchteten Zim­mer an die unheimliche Werkstatt der Hölle erinnern. Sodann sollte das ganze Interesse der Zuschauer unbedingt aus die Königin, und namentlich auf den Aus­druck im Gesicht derselben hingelenkt werden.

Die Erfindung ist originell, aber sie dürfte den Anforderungen der wahren Kunst nicht entsprechen. Bei einem wahrhaft historischen Gemälde ist es weder

Greiizboten. III. 19