Beitrag 
Die Appenzeller Landsgemeinde. 2.
Seite
141
Einzelbild herunterladen
 

141

weit zurückgestürzt haben, würde bei diesem Landvolke vielleicht recht lehrreiche Anschauungen über parlamentarischen Takt zu sammeln vermögen, wenngleich die Mitglieder dieser Versammlung weder im schwarzen Fracke vor wappengeschmücktem Tische sitzen, noch dieWürde der hohen Versammlnng" bis zur Ermüdung im Munde führen.

Nun begannen die Beamtenwahlen. Zuerst die des regierenden Landam- manns. Niemand war an die Stelle des mit der Bitte, man möge ihn nicht wieder erkühren, voy seinem Tribunenplatze abtretenden Herrn Fäßler vorgeschla­gen; und auf die deshalb vom Landschreiber' an das Volk gestellte Frage, noch ehe die Umfrage recht begonnen, flogen unter allgemeinemHni" alle Männer­hände hoch über die Köpfe empor, während der tausendstimmige RufMehren, Mehren!" erscholl. Das hieß: ein Jahr mehr soll er als Landammann regieren. Er erschien auch sofort von Neuem an seinem Platze, dankte für das Vertrauen und ging zur Neuwahl des Landwaibcls über. Elf Kompetenten waren vom Großen Rath zur öffentlichen Bewerbung um das einträgliche Amt zugelassen worden, von denen jedoch i weder lesen noch schreiben konnten, was bei den Einzelnen im Auftrage des Großen Rathes stets vor dem Beginn ihrer Rede dem Volke angezeigt ward.

Fast alle motivirtert ihr Gesuch mit eigener körperlicher Schwäche, welche keinen Erwerb durch strenge Handarbeit zulasse. Versicherungen der äußersten Armuth, Angaben von zahlreichen Familien und Familiensorgcn, unerzogene nnd sogar ungezogene Kinder, Blindheit der Ehefrauen, welche diese am Sticken hin­dern, die schwierige Ernährung hochbetagter Aeltern, von denen man schließlich erfuhr, daß Gott durch den vor einem Jahr erfolgten Tod des Vaters dem Sohne einen Theil der schweren Last erleichtert" habe dies Alles führten die Be­werber vor den Augen des versammelten Volkes in äußerst naturtreneu Bildern vorüber. Jeder versprach natürlich die beste Verrichtung seines Dienstes und dazu fügten sie:darum bitte ich Üch, getrüe, liebe Landlüt, habet Üre mild- thatige Hand uf, und gäbet um tusendhuudert Gottes Wille eine arme Familen- vatcr die Stelle, und errattet ihn und syne Familie ns großer Noth!" Andere durchflochten ihre Bewerbungen auch wol mit allerlei Bibelsprüchen, noch Andere brachen kurznt der Bemerkung ab: was Gott nicht will, kann ich auch nicht' machen. Also ihre Sache auf den Himmel stellend, und recht eigentlich in die Hände des Volks legend, stieg jeder wieder von der Tribnne, dem Nachredner das Lcichenbittermäutelchen umhängend, ohne welches nun einmal Niemand das Wort ergreifen zu dürfen scheint.

Jeder Einzelne hatte wol seine größere oder kleinere Partei in der Menge; im Allgemeinen kennt aber auch bei etwa 16,000 Einwohnern eines Staates Jeder des Andern Leben und Lebeusverhältnisse, wenn gleich die Gemeinde weit verstreut, die Familien vereinsamt wohnen. Da gingen nun herbe und gute