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denn die Menschen sollen keine Engel sein, sondern er soll der Natur Manschen, was sie aus ihnen machen wollte, was aber vollständig zn erreichen, ihr durch zufällige, nicht znr Sache gehörende Umstände, versagt blieb. Und was'vom Dichter und vom Maler gilt, genau dasselbe gilt vom Schauspieler.
Eine Schule, wie sie Dcvricut im Sinne hat, konnte nach dieser Richtung hin viel Nützliches wirken/ nur darf man ihre Wirkung nicht überschätzen. Wir sehen hier vollständig von dem Einwürfe ab, daß, wo die Anlage fehlt, anch die beste Erziehung Nichts herausbringen wird, weil wir die Anlage eben voraus-, setzen. Aber ein anderer Uebelstand ist schwerer zu beseitigen. Jene technische Bildung allein würde nicht genügen. Um die Intentionen des Dichters zu verstehe», muß der Schauspieler, abgesehen vou seiner uatürlicheu Fähigkeit, bedeutendere Erregungen der Seele nachzuempfinden und sie wiederzugeben, auch noch eine nicht gemeine geistige Bildung haben. Was zu einer Aufführung Jffland'scher Stücke nicht nöthig ist, läßt sich bei Goethe und Schiller nicht entbehren. Diese Bildung kann aber durch eine Theatcrschnle nicht vermittelt werden, denn es kommt nicht blos aus dcu Umfang der Kenntnisse an, sondern auf die Art, wie man sich dieselben erwirbt. Theaterschulen für Kinder anzulegen wäre wol eine nie zn verzeihende Sünde gegen den heiligen Geist, und für Erwachsene giebt es kein allgemeines Mittel, .die versäumte Schulbildung zu ergänzen. Am wenigsten dürften ästhetische Vorlesungen dazu geeignet sein, die in der Regel nur dazu beitragen, einen Halbgebildeten mit Süffisance zu erfüllen und ihm den Kopf vollends zu verdrehen. Hier wird wol die individuelle Thätigkeit die Hauptsache machen müssen, nnd wenn ein junger Schauspieler durch deu Umgang und das Beispiel eines so vollkommen gebildeten Mannes in dem edelsten Sinn dieses Worts, wie Eduard Devrient ist, Gelegenheit hat, sich zn kräftigen, so ist das ein glücklicher Zufall, aber nicht eine Nothwendigkeit, die man aus der Natur der Sache herleiten konnte.
Wir begnügen nns mit diesen beiläufigen Bemerkungen und geheil auf den zweiten Gegenstand unserer Betrachtung über, auf die sittliche, sociale Stellung des Schauspielers. Das Vorurtheil gegen diesen Stand entsprang in früherer Zeit wol zum großen Theil aus religiösen Vorstellungen. Es hatte den geistlichen Hirten beliebt das Theater als eine' Gottlosigkeit anzusehen. Sie' versagten dem Schauspieler ein ehrliches Begräbnis;, uud wenn sich anch'zu allen Zeiten aufgeklärte Köpfe genug finden, die sich gegen die kirchliche Doctrin auflehnen, so wird es ihnen doch viel schwerer, sich der mit den kirchlichen Einrichtungen zusammenhängenden Sitte zu entziehen. Von diesem Vorurtheil ist glücklicher Weise nicht mehr die Rede; was also noch dem Schauspieler eine exceptionelle Stellung in der Gesellschaft giebt, muß in der Natur der Sache liegen.
Wir wollen zuerst^ die Künstlerinnen ins Ange fassen. Niemand wird läugnen, daß in der Gewohnheit, die geheimsten Kräfte der Seele öffentlich preiszugeben,