Vorwort zum neue»» Sen»ester.
Wir haben seit den letzten Monaten in unser Blatt einige Neuerungen eingeführt, mit denen hoffentlich unsre Leser einverstanden sein werden. Wir haben den Ranm für die eigentliche Politik beschränkt,.und dafür den Schilderungen aus dem Culturleben der Volker eine größere Ausdehnung gegeben; wir haben ferner unsre kritischen Aufsätze durch regelmäßige kurze Referate über Mnsik, bildende Knnst, Theater, wissenschaftliche und schöne Literatur ergänzt, die nicht ein abgeschlossenes Urtheil geben, sondern nur die Aufmerksamkeit anregen sollen. In den drei ersten Fächern streben wir nach einer gewissen Vollständigkeit; in der Literatur aber ist das nicht wohl möglich: das Feld ist zu umfassend, nnd unser Pnblicum ein zu gemischtes, als daß man in der Auswahl des Interessanten ein unbedingtes Gesetz verfolgen, könnte. Doch haben wir wenigstens im Allgemeinen immer ein bestimmtes Bild vor Augen. Unser Zweck ist, auf der einen Seite die Zeitnngen, auf der andern die Fachjournale zu ergänzen, unseren Lesern eine möglichst reiche Fülle des Materials zn geben, uud dabei «doch die Einheit der kritischen Idee zn bewahren, für die politischen wie für die literarischen Zustände. Daß ein solcher Zweck nnr annähernd erreicht werden kann, fühlen wir wahrlich wenigstens eben so lebhaft, als unsre Gegner. , '
Ein streng wissenschaftliches Journal hat eine viel günstigere Stellung. Die strengwissenschaftliche Literatur bleibt in regelmäßiger Continnität, und sie ist es, die uns den beständigen Fortschritt der Menschheit vor Augen stellt. Alles, was durch das Princip der Theilung der Arbeit erreicht werden kann, nimmt in unsrer Zeit einen erfreulichen Fortgang; aber die geistige Autonomie des Schaffens wird durch diese Theilung der Arbeit nicht gefördert. Wenn daher die wissenschaftlichen Zeitschriften, in denen jedes neue Resultat des Forschens, so kleiu und unscheinbar es sein mag, sich immer als ein Glied eines belebten und sich entwickelnden Organismus darstellt, einen für die Auffassung des deutschen Geisteslebens sehr befriedigenden Eindruck machen, sind die kritischen Blätter, die sich mit der allgemeinen Literatur beschäftigen, in einer schlimmen Lage. Was ihnen
Grenzboten, III. -I