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bleiche Färbung der Blumen, die im Schatten in einer zu tiefen Zurückgezogeu- heit aufgegangen sind; die schwache Wärme eines an lange Erwägungen gewöhu- teu Gedankens, die kaum hinreicht, der Empfindung in jeder einzelnen Skizze das nöthige Leben einzuhauchen. Man muß diese Bücher in der Dämmernng lesen, wo sie auch entstanden sind; öffnet man sie bei Tageslicht, so muß man befürchten,'Nichts als'weiße Blätter zn finden."
Das Urtheil ist nicht nuwahr, nicht einmal übertrieben; aber wenn wir auch diejenige Poesie, die das Sonnenlicht verträgt, vorziehen, so finden sich. doch auch in dieser Nachtseite des Ideals Erscheinungen, die Phantasie nnd, Gemüth gleichmäßig anregen. Manche Maler haben ein ähnliches Talent. Sie lieben so sehr den Schachten nnd die Dunkelheit, daß man beim ersten Anblick gar Nichts sieht; tritt man aber dann näher hinzu, so zeichnen sich erst einzelne Umrisse bedeutend ab, die sich einander gleichsam suchen und fliehen; man ahnt den Zusammenhang, die eigene Phantasie hilft-nach, und zuletzt tritt eine ganz wunderbare, geheimnißvolle, aber doch anziehende Welt aus dem Dunkel hervor. Solche Nachtdichtungen sind ein sicheres Zeichen, daß in dem öffentlichen Leben der Nation ein geheimer Fehler vorhanden ist. Aber auch die Krankheit führt zuweilen zu Phänomenen, die für ein empfängliches Gemüth reizender sind, als die Gesundheit selbst.
Wochenbericht.
Nachtrage zum Pariser Salon. Aus dem, was ick) im Allgemeinen , über die Kunstrichtung und das Kuustlebeu, wie es uns im diesjährigen Salon entgegentritt, gesagt habe', geht zugleich hervor, was wir von den plastischen Leistungen zu erwarten haben. Die Franzosen sind in ihrem normalen Zustande schon zu theatralisch in ihren Anschauungen sür das eigentliche plastische Meisterstück, und nun erst jetzt, wo sie aus der Bewegung gar nicht herauszukommeu vermögen. Wo soll inmitten dieser Flüchtigkeit, inmitten dieses. Durcheinander, im Leben wie in der Wissenschaft, in der Gesellschaft wie in der Kunst, die antike Beschaulichkeit herkommen, die zu plastischen Kuustcrzcuguisseu so sehr nothwendig ist? Plastik ist Ruhe, Ruhe in der Seele, und Ruhe im Körper selbst die Leidenschaft, die große, weltgeschichtliche Leidenschaft, ist zur vollkommenen Ruhe abstrcchirt, und die Franzosen sind in fortwährender Bewegung und Bewegtheit, selbst jetzt, wo mau ihnen keinerlei Leidenschaft, sondern blos Passionen nachsagen kann. So haben sie denn auch eine französische Sculptur erfunden, die ganz im Einklänge steht mit ihrer schöngeistigen Richtung, mit ihrer modernen Poesie, und auch mit ihrer Malerei. Große Gewandtheit in Beherrschung der materiellen Mittel, conventionclle Schönheitsanschauungen, elegante, abgeleckte Form, aber nirgend ein großer Gedanke, nirgend der wirklichen griechischen Schönheit auch nur im entferntesten angenähert. Wer nnter diesen Werken der modernen Plastik hcrnmwandelt, der kann es