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der Rhythmus glcichgiltig aus den tragischen Maßen in Knittelverse, ans, den Knittelversen in künstlich verschlungene lyrische Rhythmen über. Lucifer, der Maschinist des Stücks, ist der Gvcthe'sche Mephistopheles, mit seiner unerbittlichen Kritik gegen alles Bestehende nnd seinem leeren, zweck- und gedankenlosen Treiben, mir daß er sich in abgeschmackte Unternehmungen einläßt, aus die unser deutscher Mephistopheles nicht verfallen wäre. So versucht er in dem Prolog umsonst, mit Hilfe seiner Luftgeister das Kreuz vom Thurme des Straßburgcr Münsters hcrabzureißcu. Die Rolle, die er im Stücke spielt, ist eigentlich eine ziemlich undankbare. Er taucht zwar überall in den verschiedensten Verkleidungen ans, bald als eiu reisender Arzt, bald als ein Mönch, bald als ein Rechtsgelehrter, aber überall ohne deutlichen Zweck und ohne Erfolg. Bei diesem zweckwidrigen Thun nützt es dem Dichter Nichts, wenn er ihm zuletzt ciuen tragischen Anschein verleihen will, und mit etwas Milton'scheu Reminiscenzen einen Engel sein Verschwinden folgendermaßen schildern läßt: „Ueber dem Berge schwebt ein dunkler gigantischer Schatten unter meinen Füßen, eine Finsterniß, die innerlich von leidenschaftlicher Hitze strahlt, wie eine Sturmwolke, die mit Blitzen schwanger ist. Und ein Schrei des Jammers, von allen Seiten wicderhalleud, tief und laut, als wenn eine Wolke auf die andere schlüge, schwillt an nnd verrollt in der Ferne u. s. ni." — Wir lassen diesen „Sohn des Geheimnisses" bei Seite und gehen zu dem eigentlichen Inhalte des Gedichts über. — Zu den Zeiten des Walter von der Vogelweide lebt ein Prinz, Heinrich vvn Hvheneck, der von einer schrecklichen namenlosen Krankheit befallen ist. Keiu Arzt versteht sie zu- heilen. Endlich schickt die Facnltät von Saleruv ein Gutachten: das einzige Mittel ist das Blut aus den Adern eines Mädchens, die freiwillig ihr Leben für das Leben des P«nM giebt. — Der Prinz sitzt in seinem Schlosse am Rhein uud hält einen langen lyrischen Monolog, in dem er seine Krankheit beschreibt, seine Abneigung, zu sterben, ausspricht, und sich nach Ruhe sehut. In diesem melancholischen Zustande findet ihn Lucifer, der im Gewände eines reisenden Arztes zu ihm eintritt uud ihm eine Flasche überreicht, die sein Leiden lindern soll. Vergebens warnt ihn ein Engel mit den Tönen einer Aevlsharfe. Der Prinz trinkt, und sogleich umschweben ihn goldene Visionen, dustige Nebel steigen aus und gestalten sich zu schönen Landschaften vor seiner glücklichen Phantasie, er kommt, sich vor wie ein glücklicher Liebender, der sei» Leben mit Träumen verklärt, und sinkt gleich darauf iu Schlaf. — Er hat süßen Branntwein getrunken. — Mit seinem Einschlafen fällt der Vorhang, uud es wird uus nachher in Knittelversen erzählt, was die Mönche, die ihn für todt gehalten haben, mit ihm für HocnSpvcns treiben. Endlich erholt er sich in der Hütte eines seiner Pächter.
Dort lebt er vorläufig in melancholischer Zurückgezogenheit, schnitzt Bogen und Pfeile für die Kinder, nnd lehrt die Mädchen geistliche Lieder. Eine von diesen, Elfle, ein Gemüth, welches ganz von der Idee der Aufopferung durch-