Contribution 
Die Concertsaison 1851-52 in Leipzig.
Page
217
Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

217

cm guten Sängerinnen ist wirklich sehr groß, und die bescheidene Einnahme eines Concertabends reicht ost kaum ans, um die hohen Ansprüche einer mir einiger­maßen renommirten Künstlerin zn befriedigen. Und entschließt, sich dann die Direction zu solcher Ausopferung, ist der dem Kunstfreund daraus enspringende Genuß wirklich ein so bedeutender? Diese Frage möchte sich kaum bejahen lassen. Tritt anch der günstige Fall ein, daß der Sänger, sei es durch Schönheit des Tons, durch große Fertigkeit, durch gediegenen musikalischen Vertrag den gehegten Erwartungen entspricht, so stört meistens auf der audcru Seite die schlechte Aus­wahl des vorzutragenden Stückes, das mit den classischen Orchesterwerken in keiner harmonischen Uebereinstimmung steht. Unsre Literatur von Concertgesängen ist dürstig. Die wenigen, zu diesem Zwecke taugenden und dafür ausdrücklich geschaffenen Compofitionen sind alt geworden und verbraucht. Die den Opern entlehnten Arien und Ensembles erfüllen nnr zum geringen Theile die Ansprüche des Concertsaales, nnd sind, namentlich die von Mozart und Weber, nicht minder häufig gehört worden. Unter solchen Verhältnissen sind die Schwierigkeiten, gute und übereinstimmende Concertprogramme aufzustellen, sehr groß; sie werden sich nicht eher mindern, als bis wir uns dazn entschließen, alles Stückwerk aus dem Programm zu entfernen, nnd die bunten Mnsterkarten zu beseitigen, die in ihrer Zusammenstellung allen Anforderungen der Aesthetik Hohn sprechen. Wir haben nach den Berliner Symphonieconcerten oft mit Neid geblickt, nnd wenn man auch denselben den Vorwurf einer gewissen Einseitigkeit nicht erlassen darf, so muß man wenigstens zugeben, daß dem vergnügungssüchtigen Dilettantismus in ihnen alle Nahrung cutzogen ist, und dem ernsthaften Kunstfreunde der Genuß des Schönen uicht durch schlechte Späße verbittert wird. Auch die Städte des Nheius haben uus in Aufstellung von besseren Programmen überflügelt; sie enthalten minder kleine Stückchen, als die unsren, und verwenden im Gegentheil ihre Kräfte zur Auf­führung größerer Gesangwerke, die uns nur iu geringerem Grade geboten werden. Wir würden uus bescheiden, wenn die Mittel und Kräfte zu solcher erusteu Thä­tigkeit uicht vorhandeu wären, allein der Beweis des Gegentheils läßt sich leicht ans dem Gegebenen führen. Gehen wir hier nur auf das Eine näher ein, auf die Leistungen unsrer, aus so trefflichen Kräften zusammengesetzten Singakademie. Wir sind ihr ohne Zweifel zu großem Dauke verpflichtet für die geleistete Hilfe bei größeren Ensemblett in den Aufführungen des Gewandhauses. Allein die Summe ihrer Thätigkeit steht iu keinem Verhältnisse zu deu Krästeu, und es scheint zu wenig, wenn ein solches Institut iu dem Laufe eiueö ganzen Jahres nur zwei größere ganze Werke zur Aufführung bringt. Berlin kann uus hier wieder als Muster gelten; die dortige Singakademie führt in jedem Jahre eine Menge bedeutender Gesangswerke auf, und erfüllt so mit Ehren die Bestimmung, welche ihr durch ihren vortrefflichen Stifter vorgezeichnet wnrde. Vielleicht ändern sich bei nnS diese ungünstigen Verhältnisse, wenn Leipzig einst eine größere Stadt

Gr-nzbotm. II. 28