Geschichte des Alterthums
von Max Dunckcr. 1. Bd. Berlin, Duncker und Humblot.
Unter allen Wissenschaften ist die Geschichte die einzige, deren sortgesetzte Erweiterung und Vertiefung die Popularität nicht ausschließt. Alle übrigen Wissenschaften, die gerade in der neuesten Zeit so ungeahnte Fortschritte gemacht haben, weisen den Profanen von ihrem Gebiet zurück, und wenn einmal ein Meister, wie Alexander v. Humboldt, es unternimmt, sie in einem Gesammtgemälde darzustellen, so ist dieses mehr darauf berechnet, dem Uneingeweihten Furcht und Zittern vor der Majestät des Heiligthnms einzuflößen, als ihn mit freundlicher Hand in dasselbe einzuführen. Zwar entfaltet die Naturwissenschaft einen Reichthum an einzelnen Bildern und Anschauungen, die auch der Masse des Volkes zu Gute kommen, und ihr geheimer unsichtbarer Einfluß erstreckt sich auf sämmtliche Gebiete des Denkens uud der praktischen Thätigkeit; allein sie selber verhüllt sich immer tiefer in ihren Jstsschleier.
Mit der Geschichte ist es ein anderer Fall. Je tiefer wir die Mysterien des menschlichen Lebens, wie es sich in der Zeit entwickelt, ergründen, desto klarer und zugänglicher wird es für das Auge des Künstlers. Die Geschichte ist die einzige Wissenschaft, welche eine künstlerische Darstellung nicht nur erlaubt, sondern nothwendig macht, denn ihr Gegenstand ist nicht, wie bei der Naturwissenschast, auch außerhalb des menschlichen Bewußtseins, er ist nicht für sich vorhanden, er ist nur, in sosern er dargestellt wird.
Bei den fortschreitenden historischen Studien ist es daher nothwendig, daß von Zeit zu Zeit das Gesammtbild der Menschheit von geschickten, künstlerischen Händen wieder aufgefrischt wird. Das vorliegende Buch ist ein erfreuliches Zeichen von dem Fortschritt des Wissens seit der Zeit, wo Schlosser seine Geschichte des Alterthums schrieb, wie von der größern Klarheit und Unbefangenheit im Anschauen der Begebenheiten. Um seinen Werth zu bestimmen, müssen wir Uns zunächst seiue Aufgabe klar machen.
Das Publicum, welches Duncker im Auge hat, ist ein anderes, als das von Becker's allgemeiner Weltgeschichte. Dieses in seiner Art unübertreffliche Buch ist
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