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Das deutsche Volksmärchen und seine Literatur
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Mutter, Knecht und Amme, Schäfer und Hirte, und wie einst an jener Mund Alle hingen, so sammelte sich jetzt Jnng und Alt um diese/ den wunderbaren Kunden zu lanschen. So wanderten sie von Geschlecht zu Geschlecht in ihren Hauptsachen unverändert, wie das Gemüth, welches sie bewahrte. Nicht etwa nur einmal erzählt, erfreuten sie di«, Hörer; das öftere Wiederkehren der Erzählung hinderte natürlich deren Alterirung, denn da der Kreis der Zuhörer fast durch­gängig ein kleiner war, uud da man es immer und immer wieder hörte, so be­wahrten es Alle meistens auch in denselben Ausdrücken, womit es erzählt wurde, sie lernten es gleichsam auswendig, die Erzählungen pflanzten sich fast wörtlich fort. Jede Abweichung von dem einmal Erzählten würde dem Erzähler, jede von dem früher Gehörten dem Wiedererzähler eine Rüge zugezogen haben, sobald er es in seinem Kreise vortrug, wie dies denn noch heute Jedem, und zwar nicht selten, vorkommt, der sich mit der Sammlung dieser Ueberlieferungen ab­giebt. Diese Festigkeit und Sicherheit der Ueberlieferungen ist oft so groß, daß wir in einzelnen nur die Personen zurück in's Heidnische zu übersetzen haben, um das Märchen in den alten Mythus zn verwandeln.

Dieses bis in das Kleine gehende Halten an der ältesten Gestalt des Mythus finden wir besonders in solchen Fällen, wo die erzählte Begebenheit einfach ist und sich in Kreisen bewegt, an denen die Zeit vorüberging, ohne daß sie wesentliche Veränderung erfahren hätten. Der den Hammer schwingende Schmied, der zum Felde ziehende Landmann, der Netze werfende Fischer ist heut zu Tage nicht viel anders, als vor fünfzehn Jahrhunderten; sein Leben und Trei­ben, sein Arbeitsgerät!) hat wenig oder gar keine Veränderung erlitten. Diese Beständigkeit kam oft den Mythen zu Gute, welche Begebenheiten berichten, die in diese Kreise fallen. Ein Beispiel genüge. In der jüngern Edda wird erzählt, wie die Götter auszogen, den Loki zu fangen und zu strafen, weil er Schuld an Baldr's Tod war. Er hatte sich in einem Wasserfall in Fisch gestalt ver­borgen, und die Götter mußten zum Netz greifen! um seiner habhast zn werden. Zweimal zogen sie dasselbe durch den Wasserfall, ohne ihn fangen zu können, denn das erste Mal schlüpfte er unter einen Stein, und das Netz ging über ihn hinweg; das zweite Mal geriet!) er zwar hinein, aber, als man ihn packen wollte, sprang er über das Netz weg. Als er dies auch beim dritten Mal versuchte, faßte Thörr ihn ^schnell mit kräftiger Hand; auch diesmal wäre er wieder entschlüpft, hätte der Gott ihn nicht am Schwänze gehalten. Daher kommt es, sagt die Edda, daß der Salm (denu dessen Gestalt hatte Loki an­genommen) nach dem Schwänze zu so dünn ist. So der Mythus des Nor­dens; hören wir jetzt das deutsche Märchen. Petrus, der bekanntlich ein Fischer seines Gewerbes war, zog eines Tages zu fischen aus; er fing aber Nichts bis zum letzten Zug; da war das Netz ganz voll. Er warf die Fische in seinen Eimer, nur den letzten konnte er nicht fassen, weil dieser immer hin und