478
herausgefühlt, daß die Geistlichkeit heute nicht mehr so allgemein verhaßt ist, weil die von ihr drohenden Gefahren langst in Vergessenheit gerathen, und weil man in Religionssachen so gleichgiltig geworden, daß man den Einfluß des PfaffenthumS gar nicht mehr begreift und ihm keine praktische Bedeutung unterschiebt. Louis Bonaparte schloß sich daher dem Klerus an, ohne darum ausrichtiger gegen ihn zu sein, als gegen die anderen Parteien, und knüpfte hierdurch das Landvolk, das sein Name verlockte, nur um so fester an sich; so gewann er zugleich auch die Legitimisten, die ihm nun dienstbeflissen in seinem Kampfe gegen die Bourgeoisie und deren Dynastie, die Orleanisten, beistehen. Das Arbeitcrthum hat er zwar nicht gewonnen, aber er hat es entwaffnet, und es schaut mit verschränkten Armen drein und wartet zu den Dingen, die da noch kommen können. Louis Buonaparte verlangt auch Nichts weiter, er will Zeit gewinnen. In dieser Absicht suchte er unter seine Rathgcber socialistische Financiers — er sucht alle socialistischen Vorschläge der gesprengten Nationalversammlung und der freiwillig auseinandergegangenen Constituante hervor, um ihnen brevi msnu in den Mo- niteur zu verhelfen.' Dadurch will er im Lande Festigkeit genug erhalten, um auch an eine anständige Thätigkeit für die Armee, ihre längst erwartete Belohnung, denken zu können. Die Schweiz, Belgien oder Italien, das ist ihm ganz gleich, und er wird heute eine absolutistische Allianz mit Oestreich gegen die Schweiz eingehen, ohne dadurch verhindert zu werden, morgen die Italiener, die Polen, die Ungarn zum Befreiungskampfe aufzurufen. Er wird Alles thun, sich festzusetzen und seine Dynastie zu gründen, und es wird ihm ziemlich gleichgiltig sein, auf welchem Wege er dazu gelangt. Heut mit Oestreich gegen die Schweiz, morgen mit England in Italien gegen Oestreich. Das ist die Politik des neuen Condottiere.
Neue Buche r.
Musikalische Briefe. Wahrheit über Tonkunst und Tvnkünstler. Für Freunde und Kenner. Von einem Wohlbekannten. 2 Bde. Leipzig, Baumgärtner. — Wir schlugen zuerst die Seiten auf, die über Richard Wagner handeln. Der Verfasser erklärt, er habe Wagner's ästhetische Schriften eifrig studirt, und wolle nun ein definitives Urtheil darüber abgeben; als Belege desselben führt er eine Reihe Citate an. Wir waren daher mehr wenig überrascht, als wir fanden, daß diese Citate nicht aus Wagner, sondern — aus den Grenzboten waren. Der gründliche Leser der Wagner'schen Schriften hat dons üäe unsre Urtheile als Aussprüche Wagner's angenommen; er hat die Resu- m«s, die wir von den Ansichten dieses Schriftstellers gaben, mit Gänsefüßchen versehen und sich selbst dadurch nicht stören lassen, daß wir in der indirecten Rede sprechen, eine Form, in der man doch nicht zu citiren pflegt. Ja er hat einige Ausdrücke, in denen wir über Wagner spotteten, als Redensarten Wagner's angeführt. — Das ist denn doch eine Naivetät, die selbst in unsrer Zeit ihres Gleichen nicht findet! Und er ist gewissenhaft in seiner Naivetät, denn er führt alle unsre Citate an und.kein anderes, und wenn wir von einem Gedanken sagen, wir verstehen ihn nicht, so sagt der redliche Mann, er versteht ihn auch nicht; wenn wir hinzufügen: Folgendes scheint die Meinung zu sein, so erklärt er: Die Meinung scheint folgende zu sein. Auch im Uebrigen wird