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Denn compromittirt er nicht durch solche Projecte das Ministerium, welches dieselben zu seinen eigenen macht? Von dem Ministerium selbst kann man natürlich nicht verlangen, daß es die Wirkungen seiner Gesetzvorschläge im Vvrans übersehen soll, aber der Proponent müßte sie doch übersehen. Und siehe, da erhebt sich in der Tagespreise von allen Seiten die Behauptung, daß derselbe treu- herzige Mann, Herr Quehl, auch diesen unförmliche« und ganz nnpreußischen Steuersatz den Ministern gerathen habe. Wenn das ist, so betrachtet Schreiber dieses denselben als einen verlorenen Menschen, dessen Beruf fortan nnr sein kann, in dem Schrein der Geschichte als pathologische Merkwürdigkeit aufbewahrt zu werden. Der bravste, liebenswürdigste Mensch uud Redacteur wäre in diesem Fall für die Welt verloren. Freilich ließe sich gar nicht sagen, was er noch Alles angeben mag. Jetzt werden in Prenßen Pairs, gemacht, darunter auch solche auf Lebenszeit, welche vielleicht auch absetzbar sein sollen, man weiß das noch nicht recht. Wer steht uns denn dafür, daß nicht in der Zukunft, wenn gerade einmal die Majestät mit dem Ministerpräsidenten verreist ist, unser armer Herr Quehl so ein SO Stück Constablers als Pairs einkleiden und einschwören läßt, und ihnen die Nevenuen des Motteufestes und der Baumblüthe von Pankow u. s. w. als Dotation zuweist?
Das Aergste aber ist, ernsthaft zu reden, daß auch bedeuteude Meuscheu, Staatsmänner uud öffentliche Charaktere in hohen Stellungen in Deutschland an einer Empfindlichkeit und Reizbarkeit leiden, welche ihrer selbst sehr uuwürdig ist. Jede Opposition erbittert sie; jeder kleine schlechte Witz, welcher ihre bekannte Persönlichkeit benutzt, um sich an ihr zu Präsentiren, empört und ärgert sie; jeder Augriff durch die Presse und die Kammern regt sie ans, und vernichtet ihre Verdauung, ihre Lauue, ja ihren Glauben an die Menschheit. Das ist ein schmerzliches Zeichen von ihrer eigenen innern Unsicherheit, von Mangel an Selbstgefühl und Mangel an sittlicher Kraft. Wer durch jeden Zeitungsangriff, durch jede spitze Bemerkung eines parlamentarischen Gegners zum Haß uud zu Verfolgungen gegen die'Presse und die Parteien seiner Gegner getrieben wird, der mag immerhin im Privatleben ein gutmüthiger humaner Mensch sein, ein gebildeter Staatsmann und ein Mann von Charakter ist er nicht.
Warum ist Louis Napoleon der Empfindlichste aller Empfindlichen? Weil er sich am wenigsten sicher fühlt, und am lebhaftesten das Gefühl des innern Unbehagens hat. Wir aber, das Volk, beurtheilen das gute Gewisse« und die Charakterfestigkeit uusrer Staatsmänner zumeist nach der größern oder geringern Gemüthsruhe, welche sie den Angriffen ihrer Gegner gegenüberstellen; je ruhiger, heiterer, würdiger ein Mann die Angriffe erträgt, je mäßiger und schonender er sie parirt, desto mehr sind wir geneigt ihm zn vertrauen. —Wer aber gereizt aufkocht und im Zorn sich verleiten läßt seine Gewalt zn mißbrauchen, dem ist unmöglich zu vertrauen. Und deshalb sei znm Schluß an unsre politischen Erhalter die artige und bescheidene Bitte gerichtet, sie möchten die Anlage zum Constablerthum, die