S h e S l e y.
Die neueste englische Literatur bietet uns, wenn wir von einzelnen Ausnahmen, namentlich Dickeus, absehen, ein Schauspiel, welches wohl geeignet ist, unsre gewöhnlichen Begriffe von dem klaren uatürlicheu Gefühl uud dem gesuudeu Menschenverstand des britischen Volks über den Haufeu zu werfen. Eine ganze Reihe von Schriftstellern, zum Theil mit bedeutendem Talent ausgestattet, Earlyle, Bailey, Browning, Teuuysou, Taylor, Thackcray, Kiugsley u. s. w. — wetteifern mit einander, uns die Kehrseite des meuschlicheu Lebeus, die geheim- uißvolleu Abnormitäten des menschlichen Herzens darzustellen, uud zwar iu einer Form, die durch ihr trübes, phautastisches, unklares Wesen, durch ihre beständigen Sprünge aus dem Erhabenen ins Barocke auffallend an ähnliche Erscheinungen der deutscheu Literatur eriunert. Es ist keineswegs das Behagen am Gemeinen uud Häßlichem, das ihre Richtuug bestimmt, im Gegentheil ein unendlich gesteigerter, hochfliegender Idealismus, der iu seiuem vergeblichen Ringen nach wirklicher Gestaltung sich endlich mit Trauer und Zorn darauf resignirt, eine allgemeine wüste Oede zu beleuchten, in der nur das vvrhauden ist, was nicht sein soll. Der Weltschmerz, jener ungesunde Ausfluß unsrer überreizten Einbildungskraft, scheint sich jetzt in der englischem Literatur festsetzen zu wolle», uur daß es die Eugläuder nach ihrer Gewohnheit gründlicher uud gewisseuhaster treibeu, als wir. Derselbe Gruud, aus dem wir die Häßlichkeit des Juhalts erklären müssen, bedingt auch die Seltsamkeit der Form. Nicht aus Gleichgiltigkeit oder Geriug- schätzuug der Kunst, sondern ans einem zu hochfliegeudeu Begriff vou der Kuust werden alle bisher anerkannten Gesetze der künstlerischen Composition bei Seite geworfen. Wenn z. B. Carlyle in seiner Geschichte der französischen Revolutiou versucht, deu ideellen und den endlichen, empirischen Zusammenhang der Ereignisse gleichzeitig darzustelleu, weuu er also seiueu Gegeustaud in demselben Augeublicke vou der Vogelperspective aus betrachte« will, wo er ihn mit dem Mikroskop untersucht, so geht daraus hewor, daß er weder die eiue uoch die andere seiuer Aufgaben erfüllt; die ideelle Auschauuug wird durch die Fülle des Details überwuchert, uud das Detail wird durch die willkürliche Beleuchtung verfälscht.
Grenzbvteu. I. I8ö2. ^ 21