Borne, Heine und das Iudeuthum unserer neuen
Literatur.
Der Rücksicht auf das Unrecht, welches der christliche Staat den Juden zugefügt hat, ist es zuzuschreiben, wenn in Besprechung der jüdischen Eigenthümlichkeiten seit den letzten Deceunieu auf ihrer Seite eiue Empfindlichkeit, auf nuserer eine Sentimentalität herrschend geworden ist, bei der es fast scheinen könnte, als seien die Juden noch immer das auöerwählte Volk, und durch ein besonderes Privilegium gegen alle die Angriffe geschützt, die sich jede andere Nation gefallen lassen muß. Gegen die Deutschen haben Borne, Heine und ihre Glaubensgenossen die ganze Scala von Schimpfworten angewendet, die einem geuialeu Gemüth zu Gebote stehen, vom „Bedientenvolke" au bis zum „Nachtstuhl", und gegen das Christenthum nicht minder; wagt man es aber, auf den „ewigeu Jndenschmerz" zu lästeru, wagt man, zu bezweifeln, daß Shylock ein Märtyrer war, so ringt die gesammte Literatur die Hände über den Mangel an Anfklärnng und Toleranz. Tadelt man die Eigenthümlichkeiten der jüdischen Nation, so ist das ein Angriff ans die Glaubens- uud Gewissensfreiheit; kritisirt man die religiösen Gebräuche, so ist es ein Hohn gegen ein Märtyrervolk. Noch neulich ist hier iu Leipzig ein auffallendes Beispiel vorgekommen. In einer musikalischen Zeitschrist war behauptet worden, die Juden hätten keinen rechten Sinn für die Kunst, und die Manier, welche sie in die Musik eingeführt hätten, sei mtt der Knnst unverträglich. Die Behauptung war, wie alle sogenannten geistreichen Paradoxien, so schief als möglich, denn Meyerbcer, Mendelssohn, Halevy n. s. w. in eine Kategorie zu bringen, hat keinen Sinn, und überhaupt wird wohl das Jndeuthum mit der Musik in keine andere Verbindung gesetzt werden können, als etwa durch Anklänge an die in der Synagoge üblichen Weisen; aber ähnliche falsche und einseitige Behauptungen sind in Bezug auf die Frauzoseu, Italiener, auch aus die Deutschen hundertfältig aufgestellt worden: man hat sich begnügt, sie zu widerlegen oder über sie zu lächeln, aber Niemandem ist es eingefallen, darin ein Aergerniß zu suchen, welches der öffentlichen Moral gegeben sei. Die Süude gegeu deu heiligen Geist des Judenthums aber wurde mit einer Entrüstung aufgeuommen, daß man znm Wenigsten hätte vermuthen sollen, Christus sei zum zweiten Mal an das Kreuz geschlageu, oder das Vaterland sei an die
Grenzvoten. IV. I8S0. 106