Beitrag 
Das literarische Leben der Südslaven.
Seite
415
Einzelbild herunterladen
 

415

Das literarische Leben der Südslaven.

Unter den Südslaveu bestehen zwei ganz verschiedene Literaturen, die ser­bische und die kroatisch-slo venische, welche letztere als Product des politi­schen JllyrismuS immerhin den Namenillyrisch" tragen mag. Unterschiede in der Nationalität und Religion, wie der Gebrauch der kyrillischeu Schrift bei den Serben und der lateinischen bei den Kroaten, haben die Literatur der Süd­slaveu uach Ost und West geschieden; die erstere derselben ist echt slavisch und hat .Charakter und Originalität, die audere ist in Inhalt und Form von occi- dentalischcn Einflüssen durchdrungen.

Das kriegerische Selbstgefühl uud die politische Abgeschlossenheit des serbischen Stammes gibt der jungen serbischen Literatur ihren scharf ausgeprägten, eigen­thümlichen Charakter. Solche Selbststäudigkeit konnte in den östreichischen König­reichen der Grenze ein Phantom wie der JllyrismuS nicht erzengen, daher auch die illyrischc Literatur, trotz der schvuen Phrasen von Slaventhum und seiner Bedentnng, durchaus nicht originell und selbstständig ist. So lange der Jllyris- mus mit dem Magyarenthum im Kampf begriffen war, hatte seine Literatur wenig­stens einen kriegerischen Anstrich uud konute dadurch auf die erhitzte Phantasie einer von Magyarenhasse heißen Jugend einwirken. Dieser Kamps hat aber jetzt sein Ende erreicht und die illyrische Literatur feiert, ihr mangelt der reelle Boden der Existenz, slavische Originalität. Wie ihrem Vorbilde, der ragusanischen Lite­ratur des 16. uud 17. Jahrhunderts, sieht man auch ihr den fremden, künstlichen Ursprnng auf den ersten Anblick an. Die dem Jllyrismns anhaftende Unreife und Selbstüberschätzung hat durch Marktschreierei die literarische Kritik zu über­stimmen gewußt, uud zumal in den Literaturblättern der übrigen Slavenstämme dnrch gegenseitiges Weihrauchstreuen alles gesunde, ästhetische Urtheil erstickt jedes, auch das schlechteste Machwerk des Jllyrismns, mußte für gut gelten, weil es vou einemPatrioten" herrührte und weil der Zweck die Mittel entschuldigte. Im Interesse der guten Sache der Bildung uud der Literatur muß diesem Unfuge gesteuert, müssen unbescheidene Ansprüche ans ihr wahres Maß zurückgeführt und wenigstens die Möglichkeit eines ruhigen Urtheils dar­gethan werden. Ich werde mich glücklich schätzen, wenn ich zu diesem Zwecke auch uur Geringes beitrage. Die nenere serbische und illyrische Literatur sind noch junge, zarte Pflanzen, welche kaum die ersten Blätter im Sonnenlicht aus­gebreitet haben; sie bedürfeu der sorglichsten Pflege, aber auch streuger Wach­samkeit. Die illyrische Literatur hat an ihren Nachbarn, der italienischen und deutschen, zwei Nivalen, mit denen sie sich in keiner Beziehung messen kann und