Die Bildhauerkunst in Berlin.
Wenn der Berliner von der Architektur und bildenden Knnst seiner Stadt spricht, so beginnt er unfehlbar die Auszählung der Kunsthelden seines Stammes mit dem großen alten Häuptling S ch lüter. Erlauben Sie deßhalb auch mir, in meiner Betrachtung der Berliner Sculptnr von Schlüter auzufaugeu und die Gegensätze in der Kunst des achtzehnten JahrhnndertS in der kolossalen Neitcrstatue des großen Kurfürsteu auf der laugen Brücke und in den beiden Standbildern der Generäle Schwerin und Winterfeldt auf dem Wilhelmsplatze einander gegenüber zu stellen. Alle drei Statuen sind im Charakter des Rococo gearbeitet, der bronzene Sieger von Fehrbellin, wie die beiden marmornen Feldherren des siebenjährigen Krieges. Aber was dort Hoheit und Großartigkeit war, wird hier znr Kleinlichkeit nnd Komödie. Das römische Kostüm harmonirt mit der antiken Nuhe, der selbstbewußten, in sich geschlossenen Heldengrvße, welche aus Haltung und Blick des Kurfürsten sprechen, und nur die Allongenperrücke verräth dem modernen Blicke die Seltsamkeit des Nococo. Viel ungeschickter ist die Vereinigung des antiken uud modernen Kostüms in den beiden Marmorstatnen, von denen die eine, der Generalfeldmarschall Schwerin, im Jahre 1771, die andere, der Generallientenant Winterfeldt, im Jahre 1777 aufgestellt wurden, während die Aufstellung jener Neiterstatue bereits im Jahre 1703 erfolgt war. Bei allen dreien fällt die Zeit der Ausführung in die kurz vorhergehenden Jahre. Die Gestalt Schwerin's ist fein und zierlich gearbeitet, die Winterfeldt's dagegen etwas plnmp; beide tragen, jener ans dem Harnisch, dieser ans der römischen Toga, den schwarzen Adlerorden, nnd eine Perrücke deckt ihre Scheitel die antike Tracht, welche Arme und Beine nackt läßt, bekrönend, wogegen Sandalen die Stelle der Stiefeletten zu vertreten haben.
In solchen Jrrgängen erging sich die Kunst des achtzehnten Jahrhunderts. Die sogenannte klassische Poesie der Franzosen hatte das Alterthnm zu einem
Grenzboten. I. 1851. 46